Glasfenster in einer Kirche. Foto: Pixabay
07.06.2021

Welche Zukunft hat Kirche?

Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus, weil sie bisher wenig Reformwillen zeigt. Doch es gibt auch Zeichen für Veränderung.

Ist die katholische Kirche eigentlich noch zu retten? Was nach einem empörten Ausruf eines enttäuschten Gläubigen oder eines Kirchenkritikers klingt, ist eine ernstgemeinte Frage. Nach den vielen Missbrauchsfällen und deren jahrelanger Vertuschung, angesichts von priesterzentrierten Machtstrukturen und dem jüngst vom Vatikan ausgesprochenen Segnungsverbot für homosexuelle Paare hat die katholische Kirche weiteres Ansehen auch bei den Gläubigen verspielt – ist diese Kirche also noch zu retten?

Kerstin Stegemann glaubt noch an die Chance zur Veränderung. Sie ist Vorsitzende des obersten Laiengremiums im Bistum Münster, des Diözesankomitees, und engagiert sich im „Synodalen Weg“. Darin diskutieren unter anderem Bischöfe und Laien der katholischen Kirche in Deutschland in vier Themenforen darüber, wie die Kirche wieder mehr Nähe zu den Menschen finden kann. Denn genau diese Nähe zur Lebenswirklichkeit ihrer Mitglieder ist in den vergangenen Jahren mehr und mehr verloren gegangen. „Der Synodale Weg ist unsere letzte Chance, das Ruder noch einmal herumzureißen. Wenn uns das gelingen soll, müssen aber konkrete und spürbare Veränderungen her“, sagt Stegemann.

Austritte schnellen in die Höhe

Andernfalls werden wohl noch mehr Menschen der Kirche den Rücken kehren. Schon jetzt sind es sehr viele, zeigen Daten aus dem Bistum Münster, zu dem Kreise in Westfalen, am Niederrhein und in Niedersachsen zählen. Allein im NRW-Teil des Bistums hat sich die Zahl der Kirchenaustritte zwischen 2012 und 2019 von 4800 auf 14500 fast verdreifacht. Für 2020 werden die Zahlen erst in wenigen Wochen vorgelegt, aber die Austritte werden wohl nicht weniger.

Kerstin Stegemann engagiert sich im Synodalen Weg. Foto: privat

Kerstin Stegemann engagiert sich im Synodalen Weg. Foto: privat

Andrea Voß-Frick, eine der Münsteraner Gründerinnen der Reformbewegung Maria 2.0, ist sich jedenfalls sicher, dass sich immer mehr Gläubige in der katholischen Kirche fragen, ob sie das System der Kirche noch mittragen können. Sie selbst hat diese Frage für sich mit „Nein“ beantwortet. Voß-Frick ist im Frühjahr ausgetreten. Dabei hat sie zunächst in der Kirche, quasi aus ihr heraus, für Veränderungen gekämpft. 

Gemeinsam mit anderen Frauen der Initiative Maria 2.0 hat sie 2019 den Kirchenstreik ausgerufen und erst vor einigen Monaten einen neuen Thesenanschlag an den Kirchentüren organisiert. Darin forderte Maria 2.0 unter anderem die Abschaffung des Zölibats, den Zugang zu allen Ämtern für alle Menschen sowie die umfassende Aufklärung von Taten sexualisierter Gewalt und dass die Verantwortlichen für diese Taten zur Rechenschaft gezogen werden. Spätestens, nachdem der Kölner Kardinal Woelki aber ein Gutachten zum sexuellen Missbrauch in seinem Erzbistum unter Verschluss gehalten und stattdessen ein zweites Gutachten vorgelegt hat, musste Voß-Frick erkennen, dass die Kirche von den von ihr und ihren Mitstreiterinnen geforderten Veränderungen noch meilenweit entfernt ist. Ihr Frust ist groß, ihr Glaube, dass sich in der Amtskirche viel bewegen wird, ist erschöpft. „Aber mein Glaube an Gott ist es nicht“ sagt sie.

Immer weniger Priester

Wie ihr geht es immer mehr Austrittswilligen. „Früher gab es Austritte, weil die Menschen Steuern sparen wollten. Heute wird die Kirche immer mehr von den Gläubigen hinterfragt“, sagt auch Dr. Stephan Kronenburg, Pressesprecher des Bistums Münster. Das zeige: Ein „Weiter so“ könne es nicht geben. „Es müssen sich Dinge verändern, wenn wir dem Auftrag, für die Menschen da zu sein, weiter nachkommen wollen“, so Kronenburg.

In den drei Bistümern in Westfalen sind dazu bereits einige Veränderungen auf dem Weg. Faktisch  priesterliche Aufgaben werden an Laien abgetreten. Vielerorts leiten zum Beispiel Frauen und Männer, die entsprechend geschult wurden, Beerdigungen. Wie im Erzbistum Paderborn. Dort hat Sabine Peitz bereits mehr als 30 Beerdigungen begleitet. Die 64 Jahre alte Lehrerin empfindet ihr Engagement als „erfüllenden Dienst“. Zugleich sieht sie im Mitwirken der Laien auch „eine Chance für die Kirche, sich zu verändern. Daran möchte ich gerne mitwirken“, sagt sie. 

Neue Führungsmodelle

Auch in der Verwaltung der Bistümer tut sich etwas. Im Bistum Münster etwa wurde Anfang Februar die Stelle eines Verwaltungsdirektors eingerichtet. Damit leitet erstmals jemand, der nicht Priester ist, die administrativen und wirtschaftlichen Angelegenheiten des Bistums und ist Dienstvorgesetzter aller mehr als 500 Mitarbeiter. Neue Führungsmodelle werden auch in den Gemeinden ausprobiert: Priester verzichten auf Verantwortungsbereiche, geben Macht an Laien ab. Grundsätzlich schreibt das Kirchenrecht vor, dass jeder Pfarrei ein Priester als Leitung vorangestellt werden muss. Eine Ausnahme ist nur möglich, wenn der Bischof einen Priestermangel in seinem Bistum feststellt. „Das ist im Bistum Münster der Fall. Es lassen sich kaum noch junge Männer weihen“, so Kronenburg. 2020 waren es ganze zwei, 30 Jahre zuvor noch 28.

Sandra Schnell leitet eine Pfarrei. Foto: privat

Sandra Schnell leitet eine Pfarrei. Foto: privat

Durch den Priestermangel öffnete sich auch für Sandra Schnell eine Tür. Die 51 Jahre alte Gemeindereferentin ist die erste Frau im Bistum Essen, die eine Gemeindeleitung übernommen hat. „Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass das Bistum so mutig war, einer Frau die Aufgabe zu übertragen. So öffnen sich erste Türen zu verantwortungsvollen Positionen auch für Frauen in unserer Kirche“, sagt Schnell.

Das Bistum probiert in Altena, wo Schnell an der Spitze der Pfarrei steht, ein alternatives Leitungsmodell aus. „Leitung mit Begleitung“ ist das Motto. Schnell leitet die Geschicke der Pfarrgemeinde, begleitet die Gruppen, die sich rund um die Kirchtürme versammeln, ist für das Personal zuständig. Nur Sakramente wie die Taufe oder Eheschließungen darf sie nicht spenden. Dafür ist der sogenannte „moderierende Priester“ an ihrer Seite da. 

Viele kleine Schritte

Das Modell verdeutlicht auch: Trotz mancher Öffnung bleiben viele Türen in der katholischen Kirche für Frauen immer noch verschlossen. „Dabei tragen wir Frauen diese Kirche, wir machen die Arbeit, engagieren uns ehrenamtlich“, sagt Margarete Kohlmann. Sie engagiert sich unter anderem in einer Gemeinde in Münster und bei Maria 2.0. Sie weiß um die Dicke der Bretter, die auf diesem Gebiet gebohrt werden müssen. Daher glaubt sie auch nicht, dass sie selbst noch „weltbewegende Veränderungen in der Kirche“ erleben wird. Und doch sieht sie die vielen kleinen Schritte, die man schon vorangekommen ist. „Wir haben Kirche bereits verändert. Viele Dinge werden offen kritisch angesprochen. Auch Priester und Bischöfe äußern inzwischen laut Kritik an Vorgaben aus Rom“, sagt sie. Kohlmann erlebt ihre Kirche vor Ort in zahlreichen Gemeinden als bunten Garten mit vielen guten Ideen, wie der Glaube und die Botschaft Jesu weiter in die Welt getragen werden können. 

Denn auch, wenn sie weniger werden, es gibt noch immer zahlreiche Menschen, die diesen bunten Garten pflegen, die sich nicht damit abgefunden haben, dass Kirche ihre gesellschaftliche Relevanz mehr und mehr zu verlieren droht. Die an eine Zukunft für die katholische Kirche glauben. Doch dafür muss die Kirche die Vergangenheit hinter sich lassen und Neues wagen. Dazu wird in den Bistümern mal mehr, mal weniger ermutigt. 

„Wir dürfen auch scheitern“

Im Bistum Essen wurde bis 2013 ein neues Leitbild, Zukunftsbild genannt, erarbeitet. Im Zentrum stand dabei die Frage: Wie können wir lebendig Kirche sein? Daraus wurden unter anderem Zukunftsbild-Projekte entwickelt. Diese zeigen, wie das Bistum Essen Kirche verändern möchte und verstehen sich als Prototypen. Eines dieser Projekte ist das Gründerbüro.

Dort finden Engagierte mit ihren Ideen eine Anlaufstelle, wenn sie nicht weiterkommen. Die Ideen landen bei Marlies Hennen-Nöhre und Mira Wählisch auf dem Tisch. Die Anfragen sind sehr vielfältig. Zwei Ehrenamtliche wollten statt der kirchlichen Lesebücher für Kinder mal einen Comic und Cartoons mit biblischen Geschichten und einfach übersetzten christlichen Inhalten gestalten. Oder: In Essen-Rüttenscheid wurde eine temporäre Pop-Up-Kirche realisiert. Unter dem Motto „Mal was Gutes“ gab es in einer Kirche mitten in der Stadt für zwei Wochen ein Angebot an die Menschen, Kraft zu tanken bei gemeinsamen Mittagessen, Yoga-Stunden, einem Theaterstück, aber auch Mittagsgebeten und Gottesdiensten.

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Die Angebote wurden gut angenommen. Denn die Menschen sind nach wie vor auf Sinnsuche, nur können immer weniger an die traditionellen Angebote der Kirche „andocken“. Im Bistum Essen gibt es vom Bischof Rückenwind für Experimente. „Wir dürfen hier vieles versuchen und wir dürfen auch scheitern, das macht mutig“, sagt Wählisch. Zu den außergewöhnlichen Experimenten zählt auch ein besonderes Kneipenquiz. „Das wurde in Gelsenkirchen-Buer im Rahmen der Citypastoral organisiert. Ein Priester stand hinter dem Tresen und war Joker in theologischen Fragen“, erklärt Hennen-Nöhre weiter. Nach der Pandemie soll das Projekt wieder aufgenommen werden. Außerdem wurde in Gelsenkirchen ein mobiles Standsystem in Würfelform entwickelt: „/kju:b/“. Es ist Teil des Projekts „Mobile Begegnungsräume in der Buer’schen Innenstadt“ und soll dabei helfen, mit den Menschen dort in Kontakt zu treten, wo sie sich tagtäglich aufhalten. Das ist immer seltener der Kirchenraum selbst. 

Und wie ist nun die Eingangsfrage zu beantworten? Ist die Kirche noch zu retten? Eine einfache Antwort gibt es nicht. Doch die Menschen, die sich weiter in und für die katholische Kirche engagieren, haben die Hoffnung für ihre Kirche noch nicht aufgegeben. Aber sie haben auch klare Vorstellungen für diese Zukunft. „Ich möchte eine glaubhafte Kirche, daran möchte ich mitarbeiten und mitgestalten“, sagt Kerstin Stegemann. Auch deshalb bleibt sie.

Jürgen Bröker

Der Text ist aus Heft 03/2021 des WESTFALENSPIEGEL. Gerne senden wir Ihnen ein Probeheft zu. Schicken Sie uns dazu einfach eine Mail mit dem Stichwort Kirche an service@westfalenspiegel.de

Lesen Sie auch unser Dossier zur Zukunft der Kirche.

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