Benno Elkans „Mahnmal für die wehrlosen Opfer des Bombenkriegs“ kann nur mithilfe digitaler Technik betrachtet werden. Foto: viality.de
21.06.2021

Zwischen Kunst und Fußball

Der Dortmunder Bildhauer Benno Elkan schrieb mehrfach Geschichte: als Künstler aber auch als Mitbegründer des FC Bayern München. 

Als der Herrenschneider Salomon Elkan, der ein gut gehendes Konfektionsgeschäft in der Dortmunder Innenstadt betrieb, 1877 einen Sohn bekam, war die Freude groß. Benno blieb das einzige Kind, teilte die Liebe des Vaters zum Schachspiel, besuchte das örtliche Gymnasium und verbrachte anschließend ein Jahr am Genfer See, um Sprachen zu lernen. Hier begegnete er einigen britischen Jungen, die eine ganz neue Sportart aus dem Vereinigten Königreich mitgebracht hatten: Da versuchten zwei Mannschaften eine luftgefüllte Lederkugel zwischen zwei Holzlatten zu versenken. Mit der „Fußlümmelei“ war der Fußball geboren, und nach seiner Rückkehr nach Dortmund rief Benno Elkan zusammen mit Gleichgesinnten den Dortmunder FC 1895 ins Leben, den es heute noch unter dem Namen Dortmunder SC 95 gibt. 

Eine kaufmännische Ausbildung in Antwerpen brach er kurz entschlossen ab, um sich fortan den Schönen Künsten zu widmen. Studienjahre folgten, zuerst in München, dann in Karlsruhe. In der Schwabinger Bohème gehörte er im Jahr 1900 zu den Mitbegründern des FC Bayern München, wie es seine Unterschrift auf dem erhalten gebliebenen Urdokument zeigt. 

Acht Skulpturen auf Dortmunder Ostenfriedhof

Längst aber hatte er sich künstlerisch für den Weg des Bildhauers entschieden. Nach einem Aufenthalt in Paris, wo er Rodin kennenlernte, heiratete er 1907 in Karlsruhe die junge Pianistin Helene Einstein, Tochter des dortigen Landesrabbiners. Gemeinsame Jahre in Rom schlossen sich an. Bald bekam das Paar zwei Kinder, Ursula und Wolf. Schon früh erhielt Benno Elkan erste Aufträge aus seiner Heimatstadt Dortmund. Dort, auf dem Ostenfriedhof, sind heute noch acht Skulpturen von ihm erhalten. 

Benno Elkan vor seiner Menora an der Knesset in Jerusalem. Foto: Akademie der Künste, Berlin/Benno-Elkan-Archiv

Benno Elkan vor seiner Menora an der Knesset in Jerusalem. Foto: Akademie der Künste, Berlin/Benno-Elkan-Archiv

Der Erste Weltkrieg holte auch ihn ein, er wurde nach Polen geschickt. Als dann mit der Niederlage und der Revolution 1918 das Kaiserreich in Trümmer fiel, ließ er sich in Frankfurt nieder. Seine Denkmäler, aber auch seine Porträtbüsten und Medaillen fanden Anerkennung in ganz Deutschland. Daneben publizierte er auch kunsttheoretische Schriften, schrieb ein Kinderbuch und das Libretto für eine Oper, die sein Freund, der Komponist Ernst Toch, in Musik setzte. In den 1920er Jahren waren es vor allem seine Mahnmale, die in Dortmund, in Frankfurt und anderswo ganz unheroisch und mit einer pazifistischen Botschaft an die Opfer des Krieges erinnerten. Sie begründeten seinen Ruhm, trugen ihm aber auch den Hass der ewig Gestrigen ein, die von einer Revanche für die erlittene Niederlage träumten. 

Ein Leuchter als Geschenk

Das Jahr 1933 bedeutete auch für Benno Elkan einen elementaren Wendepunkt. Der antisemitische Druck wuchs. So emigrierte er 1934 mit seiner Familie nach London, wo er seine Arbeit bald fortsetzten konnte. Als der „Blitz“, der deutsche Bombenkrieg, 1940 nach England kam, verlor er Haus und Besitz. Ein emblematisches Motiv, das ihn, den gläubigen Juden, lebenslang beschäftigte, war die Menora, der Siebenarmige Leuchter, der die Geschichte des jüdischen Volkes durch alle Zeiten begleitet. Das britische Parlament erwarb seine bronzene Leuchter-Großplastik, an der er seit 1947 gearbeitet hatte, und schenkte sie 1956 dem jungen Staat Israel. Dort steht sie noch heute. Direkt vor der Knesset, dem Parlament in Jerusalem. Ein persönliches Vermächtnis und ein Symbol zugleich. 

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Nach dem Krieg kehrte Elkan, seit 1946 britischer Staatsbürger und später von der Queen persönlich geehrt, wiederholt nach Deutschland zurück. Nach München, nach Frankfurt und auch nach Dortmund, in die Stadt seiner Kindheit und Jugend, die ihm immer noch am Herzen lag. In den letzten Jahren seines Lebens arbeitete er an einem „Mahnmal für die wehrlosen Opfer des Bombenkrieges“. Über dieses unvollendete Projekt ist er 1960 in London gestorben, nur wenige Monate nach dem Tod seiner Frau.

Virtuelles Mahnmal

Aber seine Botschaft ist schließlich doch angekommen. Dortmund, die Stadt, die ihren Sohn so lange vergessen hatte, entdeckte ihn neu. 2016 wurde eine Straße am Dortmunder U „Benno-Elkan-Allee“ benannt, die an den Bildhauer und Fußballpionier erinnert. „Bennos Traum“, das Mahnmal für die Bombenopfer, das ihm so sehr am Herzen lag, konnte dank einer öffentlichen und privaten Initiative anhand erhalten gebliebener Fotografien virtuell rekonstruiert werden. Im August 2018 wurde dieses moderne digitale Denkmal im Orchesterzentrum NRW in Dortmund erstmals öffentlich präsentiert, seither befindet es sich im Museum für Kunst und Kulturgeschichte. 

Das Orchesterzentrum steht heute exakt dort, wo Benno 1877 einst das Licht der Welt erblickte und wo Vater Salomon schneiderte und Schach spielte. Auch er, der mit der „Elkan-Eröffnung“ in die Schachgeschichte Eingang fand, ist heute in Dortmund nicht vergessen. Ob allerdings die „Fußlümmler“ an der Isar wissen, dass bei der Gründung ihres heutigen Topvereins ein Westfale dabei war?  

Volker Jakob

Mehr über den Künstler und das virtuelle Mahnmal lesen Sie hier

Der Beitrag erschien in Heft 3/2021 des WESTFALENSPIEGEL und ist Teil der Serie „Jüdisches Leben in Westfalen“

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