Blick auf den Wilzenberg in Schmallenberg. Foto: Schmallenberger Sauerland Tourismus/ Klaus-Peter Kappest
24.10.2022

Zwischen Mystik und Moderne 

Unterwegs auf der Goldroute in Schmallenberg-Grafschaft. Wir nehmen Sie mit auf eine Wanderung rund um den Wilzenberg.

Es hat etwas von einer Pilgerwanderung, von einem Eintauchen in Landschaft, Geschichte, Kunst und Mystik. Wer auf der Goldroute in Schmallenberg-Grafschaft unterwegs ist, erlebt eine wunderschöne und kontrastreiche Gegend, die die Menschen seit Jahrtausenden berührt. Der Philologe Michael Flöer von der Akademie der Wissenschaften in Göttingen leitet den Ortsnamen „Grafschaft“ vom Flurnamen „Graskap“ ab, gemeint ist eine „Graskuppe“. In der Tat, das schmucke Fachwerkdorf Grafschaft ist umgeben von Kuppen, von Bergen, einer geht in den nächsten über. Nur einer der Berge steht ganz allein. Ein Kegel mit abgeflachtem Gipfel. Der Wilzenberg, der „heilige Berg“ des Sauerlandes. 

Kulturelles und historisches Zentrum

Grafschaft ist Bundesgolddorf und seit 2002 heilklimatischer Kurort. Aus der Dorfmitte heraus führt die Goldroute hinauf, immer in Richtung Wilzenberg. Alte Rotbuchenwälder erstrecken sich rechts vom Weg, linker Hand fällt der Blick ins Tal auf das Dorf mit dem markanten Klosterbau. Schon 1072 ließ der Kölner Erzbischof in Grafschaft ein Kloster bauen. Der Ort gilt als kulturelles und historisches Zentrum des Schmallenberger Sauerlandes. 

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Der Wanderweg passiert das Wegekreuz „Auf der Steinkuhle“, das unter einer alten Linde aufgestellt ist – ein Zeugnis tiefer Volksfrömmigkeit. Von nun an geht es immer weiter aufwärts auf den 658 Meter hohen Wilzenberg. Schon in der vorrömischen Eisenzeit entstand hier eine alte Wallburg. Später wurde im Ostteil der Anlage eine mittelalterliche Burg errichtet, deren Umfang heute noch am gut drei Meter hohen Wall zu erkennen ist. Vom Wilzenberg aus konnten die Menschen das Land weit überschauen. Funde wie Lanzenspitzen und Schwertklingen zeugen von der bedeutenden Vergangenheit des Bergs.

Auch die Christen nahmen den Wilzenberg in Besitz. Die 1633 errichtete Kapelle gehört zu den bedeutendsten Wallfahrtsstätten im Sauerland. Hinter der Kapelle erheben sich, weithin sichtbar, drei große Holzkreuze. Dahinter, noch einige Meter höher, steht das 28 Meter hohe Wilzenberg-Kreuz. Mehrere Bänke laden dazu ein, dieses außergewöhnliche  Ensembles im alten Buchenwald auf sich wirken zu lassen. 

Fantastische Ausblicke

Der Aufstieg auf den 17 Meter hohen Aussichtsturm auf dem Wilzenberg lohnt sich.   Foto: Schmallenberger Sauerland Tourismus/Klaus-Peter Kappest

Der Aufstieg auf den 17 Meter hohen Aussichtsturm auf dem Wilzenberg lohnt sich.   Foto: Schmallenberger Sauerland Tourismus/Klaus-Peter Kappest

Nur wenige Gehminuten entfernt steht der Wilzenbergturm an der Goldroute. Der Aussichtsturm mit seinem außergewöhnlichen Sechseck-Grundriss wurde schon 1889 errichtet und gehört damit zu den ältesten eisernen Aussichtstürmen überhaupt. Über eine Wendeltreppe geht es hinauf auf 17 Meter. Von dort aus öffnet sich ein fantastischer Ausblick über das Schmallenberger Sauerland. 

Durch die Wald- und Weidelandschaft geht es nun bergab. Der Weg ist durchweg mit einem goldenen „G“ auf dunkelrotem Grund gekennzeichnet und führt auf eine  monumentale Spiegelfläche auf einem Berg zu: das Kunstwerk „Blinker II“ von Timm Ulrichs. Der 1940 geborene Konzeptkünstler und emeritierte Professor für Bildhauerei und Totalkunst hat aus 196 beweglich eingehängten und polierten Edelstahl-Spiegeln eine Fläche geschaffen, die so groß wie eine durchschnittliche Filmleinwand ist. Auf ihr führt die Natur Regie: Himmel, Wolken, die Berge und die blütenreichen Wiesen spiegeln und verändern sich stetig. Ein Ort, an dem sich der Wanderer über einen wolkenverhangenen Himmel freut, weil dann das Szenario im „Blinker“ besonders eindrucksvoll ist. Das Kunstwerk ist Teil des ebenfalls sehr empfehlenswerten „WaldSkulpturenWegs“, der von Bad Berleburg nach Schmallenberg führt und elf Arbeiten international renommierter Künstler zeigt. 

Wechselvolle Klostergeschichte

Von dem „Blinker“ verläuft die Goldroute weiter über einen Höhenzug, der einen fantastischen Blick über die schwingende Landschaft bietet. Eine mit Birken gesäumte Straße läuft schließlich auf das imposante Gelände des Klosters Grafschaft zu. Das große historische Gebäude beherrscht das gedamte Dorfbild. Von 1072 bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts war Kloster Grafschaft eine Benediktinerabtei. Gegründet wurde sie aber nicht nur aus religiösen Gründen, sondern auch, um den Einfluss der Kölner Erzbischöfe im Sauerland auszubauen.

Unsere Autorin ist im Sauerland zu Hause und kennt sich in der Region bestens aus. Im August ist ihr Buch „Sauerland. Wandern für die Seele“ (Droste-Verlag, 192 S., 18 Euro) erschienen.

Unsere Autorin ist im Sauerland zu Hause und kennt sich in der Region bestens aus. Im August ist ihr Buch „Sauerland. Wandern für die Seele“ (Droste-Verlag, 192 S., 18 Euro) erschienen.

Nach einer sehr wechselvollen Geschichte und einem Wiederaufschwung Anfang des 18. Jahrhunderts wurde das Klostergebäude 1729 neu gebaut. Nach der Säkularisation wurde das Kloster 1804 aufgehoben und anschließend als Dorfschule, Lehrerwohnung und Schullandheim genutzt. Im Zweiten Weltkrieg lagerten dort Bestände aus Museen in Düsseldorf, Dortmund und Essen. Seit 1948 leben Borromäerinnen in dem Kloster. Es ist zudem ein renommiertes Fachkrankenhaus unter anderem für Lungen- und Bronchialheilkunde und Allergologie. 

Das barocke Klostergebäude beherbergt auch ein kleines Museum, in dem liturgische Geräte, Paramente, Reliquien und Bücher aus der Klosterbibliothek zu sehen sind. Der Besuch ist ein guter Abschluss für die entschleunigende Wanderung zwischen Mystik und Moderne.

Corina Wegler

Info zur Route finden Sie hier.

Der Beitrag stammt aus Heft 5/2022 des WESTFALENSPIEGEL. Ihnen gefällt, was Sie hier lesen? Gerne schicken wir Ihnen im Rahmen unseres Probeabos kostenlos zwei Ausgaben zu. Hier geht es zum Probeabo.

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