Aladin El-Mafaalani wurde 1978 in Datteln geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Seit 2019 hat er einen Lehrstuhl an der Universität Osnabrück. Foto: Lutz Jäkel / laif
26.06.2020

„Bildung ist keine Wunderwaffe“

Ob im Hörsaal oder auf der Festivalbühne – Aladin El-Mafaalani hat sich einen Namen als Experte für Chancengerechtigkeit gemacht. Mit dem Buch „Das Integrationsparadox“ ist ihm 2018 ein Beststeller gelungen, in seinem neuen Werk „Mythos Bildung“ fragt der Sozialwissenschaftler, was Bildung in einer ungerechten Gesellschaft bewirken kann. Im Interview mit westfalenspiegel.de spricht er über die Corona-Krise, Lern-Apps und persönliche Erfahrungen in der Schule.

Herr El-Mafaalani, Sie sprechen in Ihrem Buch vom „Mythos Bildung“. Was meinen Sie damit?

Bildung ist keine Wunderwaffe. Wir erwarten an einigen Stellen zu viel von Bildung, zum Beispiel, dass Investitionen in diesen Bereich gegen den Klimawandel und gegen Rechtspopulismus helfen oder etwa Probleme im Bereich der Digitalisierung lösen. So funktioniert das aber nicht unbedingt, hier gibt es viele Gegenbeispiele. Gleichzeitig gilt Bildung in unserer Gesellschaft als eine der wichtigsten Waffen zur Bekämpfung sozialer Ungleichheit und ungleicher Einkommen. Das ist zu kurz gedacht, darüber sollte mehr diskutiert werden.

Sie vergleichen das Bildungssystem mit der Stromversorgung.

Ja, beides sind wichtige Infrastrukturen, zu denen jeder Zugang hat. Wie wichtig diese Systeme sind, das merkt man erst, wenn sie zusammenbrechen.

Welche Auswirkungen haben da die Schulschließungen in der Corona-Krise?

Das familiäre Umfeld spielt jetzt eine noch größere Rolle. Wenn die Schule ausfällt, fallen ungleiche Startchancen noch stärker ins Gewicht: Einige Eltern bemühen sich nun sehr stark, dass ihre Kinder den Anschluss nicht verlieren, andere Familien, gerade die an der Armutsgrenze, können das nicht leisten. Nun kommt es darauf an, wie lange die Einschränkungen noch dauern. Wenn man es schafft, schon vor den Sommerferien einen geregelten Schulbetrieb aufzubauen, dann besteht eine gute Chance, dass es keine langfristigen Effekte gibt. Wenn es aber noch einige Monate dauert, bis das alte Lernpensum und die alte Betreuung wieder aufgebaut sind, dann ist die Gefahr groß, dass die Krise einen nachhaltigen Effekt auf die gesamte Schullaufbahn einiger Kinder hat und entsprechend auch auf die berufliche Perspektiven. Und zusätzlich sollte man sich unbedingt überlegen, wie man die gesamten Sommerferien vor Ort so anregend für Kinder und Jugendliche gestaltet wie nur möglich, damit die Familien entlastet werden und die Kinder auch ohne Unterricht schöne Erfahrungen machen und Sinnvolles lernen.

Können digitale Medien wie Lern-Apps soziale Ungleichheit abbauen?

Digitale Medien haben das Potenzial das Lernen zu fördern und damit auch ungleiche Startchancen von Schülern zu reduzieren. Die Auswahl der passenden Tools ist aber umso anspruchsvoller, je kleiner die Kinder sind. Daher sollten sich die Schulen langsam und durchdacht in Richtung Digitalisierung bewegen, statt nun einfach allen Schülern einen Tablet-PC zu geben. Wichtig ist, dass die Lehrer wissen, welche Rahmenbedingungen zu Hause bei den Kindern herrschen und was sie von denn Familien erwarten können. Wenn dies zu Beginn der Krise klar gewesen wäre, hätte man gleich professioneller mit der Situation umgehen können.

Sie sprechen nicht nur im Hörsaal über ihre Forschungsergebnisse, sondern auch bei Musikfestivals. Was reizt Sie daran?

Wir leben in Zeiten großer Veränderungen und es gibt bei vielen Menschen ein starkes Bedürfnis, Dinge zu verstehen und einzuordnen. Darauf gehe ich ein. Auf der anderen Seite ist es mir wichtig, Erkenntnisse aus der Wissenschaft in die Öffentlichkeit zu tragen, so wie es die Urväter der Soziologie bereits getan haben.

Ihre Familie stammt aus Syrien, Sie selbst sind im Ruhrgebiet geboren und aufgewachsen. Wurden Sie in der Schule aufgrund Ihrer Herkunft benachteiligt?

Ich habe keine Gymnasialempfehlung bekommen, weil ich Schwächen im Fach Deutsch hatte. Dennoch haben mich meine Eltern, die beide Akademiker sind, auf das Gymnasium geschickt. Als Benachteiligung würde ich vielmehr bezeichnen, dass einige meiner Mitschüler, die Arbeiterkinder waren, auf die Haupt- oder Realschule gingen. Sie waren nicht weniger kompetent als ich und manche waren sogar richtig gut in der Schule und hatten auch eine Gymnasialempfehlung. Das zeigt, dass die Entscheidung der Eltern eine große Rolle spielt und zu extrem unterschiedlichen Laufbahnen führt. Sie verzerrt das Leistungsprinzip stärker als die Entscheidungen der Lehrkräfte – und das ist heute auch noch so.

Interview: Annette Kiehl / wsp

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