27.09.2022

Bunte Welt aus Nullen und Einsen

„Papierflieger und Gummitwist“ im Heinz Nixdorf MuseumsForum (HNF) als die größte interaktive Informatikausstellung. 

Theseus heißt die kleine mechanische Maus, die ein Museumsmitarbeiter in einem Labyrinth aussetzt. Sofort bewegt sie sich suchend durch die Gänge und stößt immer wieder auf Wände, wo es nicht weitergeht. Dann dreht sie sich und probiert die nächste Richtung aus, bis sie endlich bei einem Stück Käse angelangt ist. Der Clou: Wenn die Maus ein zweites Mal am gleichen Startpunkt im Labyrinth platziert wird, begibt sie sich auf dem direkten Weg zum Käse.

Der Mathematiker Claude Shannon hat „Theseus“ 1950 entwickelt. Seine Maus gilt als die erste selbstlernende Maschine. Ihr Weg wird in Relais unterhalb des Labyrinths gespeichert. Das Heinz Nixdorf MuseumsForum (HNF) in Paderborn hat Theseus nachgebaut und zeigt die Maus, der man beim Lernen des Wegs zusehen kann, jetzt in seiner Dauerausstellung.

Neugestaltung zum 25. Jubiläum

Es ist nicht die einzige Neuerung, die das weltgrößte Computermuseum zu seinem 25-jährigen Bestehen präsentiert. Der komplett neu gestaltete Eingangsbereich der Dauerausstellung führt als Zeittunnel durch die 5000-jährige Geschichte der Zahlen und der Schrift. Und noch ein spektakuläres Exponat ist dauerhaft hinzugekommen: Der erste elektronische Rechner Deutschlands ist nun als Nachbau zu sehen. Der Elektronensaldierer ES 24 war 1953 das erste Erfolgsprodukt der jungen Firma von Heinz Nixdorf. Das schrankgroße Gerät kam zum Beispiel in Banken zum Einsatz, die damit viel schneller ihren Tagesabschluss berechnen konnten. Bei dem aufwendig konstruierten Nachbau, der auf den originalen Schaltplänen Nixdorfs basiert, können Museumsgäste einfache Rechenaufgaben eingeben und zusehen, wie die Röhren das Ergebnis ermitteln. „Das Gerät symbolisiert den Anfang des elektronischen Zeitalters“, zeigt sich HNF-Geschäftsführer Dr. Jochen Viehoff hocherfreut über das neue Ausstellungsstück.

Die Ausstellung ist für Kinder ab 9 Jahren empfohlen. Foto: HNF

Die Ausstellung ist für Kinder ab 9 Jahren empfohlen. Foto: HNF

Zudem hat das Paderborner Museum gleich zwei Sonderausstellungen im Programm, die sich insbesondere an Familien richten. Im Foyer herrscht in der Ausstellung „Best of HNF“ (ist inzwischen beendet) Kirmesatmosphäre; sie ist als bunter Jahrmarkt inszeniert. Attraktionen wie „Hau den Lukas“, Schießbude, virtuelles Pferderennen, Drehorgel, Kino und Raritätenkabinett erinnern auf unterhaltsame Art an besondere Momente der Museumsgeschichte, die 1996 mit der Eröffnung durch den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl begann. Hier wird deutlich, wie rasant sich die Computertechnologie im vergangenen Vierteljahrhundert entwickelt hat. Mittendrin in der Schau betätigt sich ein Roboter als Jahrmarktausrufer – ein kurzweiliges Vergnügen bei freiem Eintritt.

„Papierflieger und Gummitwist“

Ebenso turbulent geht es im dritten Obergeschoss zu, wo die Ausstellung „Papierflieger und Gummitwist“ zum Mitmachen, Knobeln, Malen und Experimentieren einlädt. 25 Stationen führen in die Welt der Informatik ein und erklären spielerisch, wie ein Computer funktioniert. So verdeutlicht zum Beispiel eine Station anhand von Holzstäben, wie ein Buchstabe nur durch Nullen und Einsen dargestellt werden kann.


Dieser Text ist aus Heft 1/2022 des WESTFALENSPIEGEL. Ihnen Gefällt, was Sie hier lesen? Gerne senden wir Ihnen im Rahmen unseres Probeabos zwei kostenlose ausgaben zu. Dazu einfach hier klicken.


An einer weiteren Station können die Museumsgäste Papierflieger falten und sie anschließend von einer Rampe durch die Luft gleiten lassen. Direkt nebenan gilt es, beim Gummitwist eine vorgegebene Sprungfolge nachzuhüpfen. Beides sind einfache Beispiele für einen Algorithmus, eine Befehlsfolge, nach der auf ähnliche Weise auch ein Computer arbeitet. Einige Meter weiter gehen Nachrichten per Rohrpost auf die Reise. Doch die können unterwegs abgefangen werden, man sollte sie verschlüsseln. Eine Anleitung verrät, wie man einen Geheimcode erstellt.

Besucher als Teil eines Computerspiels

Es überrascht, wie viele Stationen in der Ausstellung ohne Bildschirme und digitale Technik auskommen. Ein paar elektronische Spielereien gibt es aber doch: Mit Spielfiguren und Requisiten lässt sich aus mehreren Szenenbildern ein digitaler Trickfilm erstellen. Selbst kreierte Fische können gescannt werden und „schwimmen“ anschließend in einem 3D-Aquarium. Und wer auf dem großen Monitor vor sich die Flugbahn verschiedener Früchte beobachtet und reaktionsschnell nach dem fliegenden Obst greift, kann so Punkte sammeln und wird selbst Teil eines Computerspiels.

„Unseres Wissens ist ‚Papierflieger und Gummitwist‘ die größte interaktive Informatikausstellung überhaupt. In dieser Form hat das noch kein Museum umgesetzt“, sagt HNF-Geschäftsführer Jochen Viehoff über das außergewöhnliche Konzept. Empfohlen ist die Schau ab neun Jahren.

Martin Zehren

Die Ausstellung „Papierflieger und Gummitwist – Informatik zum Mitmachen“ wurde bis zum 8. Januar 2023 verlängert. Weitere Informationen gibt es hier.

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