Pioniere der Hagener Szene: Grobschnitt mit Lupo, Willi und Hunter (v. li.), 1976. Foto: Heike Wahnbaeck
05.08.2019

Im Sauseschritt

Das „deutsche Liverpool“: Die Hagener Bandszene der 70er Jahre ist legendär. Viele Stars der „Neuen Deutschen Welle“ feierten dort ihre ersten großen Erfolge, berichtet der WESTFALENSPIEGEL

Der Anfang großer Karrieren verläuft nicht immer glamourös. Ein Jugendzentrum im Hagener Stadtteil Haspe kurz vor Weihnachten 1978. Auf der Bühne: drei Männer in gestreiften T-Shirts und löchrigen Jeans. Gitarre, Schlagzeug, Bass. Und eine 18-jährige Sängerin in Schwarz mit dunklen langen Haaren. 28 Zuschauer sehen sich das erste Konzert der neuen Band The Stripes an. Was im Publikum kaum einer geahnt haben wird: Keine fünf Jahre später ist die junge Frau auf der Bühne die erfolgreichste deutsche Musikerin der Rockgeschichte.
Einige Monate nach dem Konzert in Haspe zieht die Sängerin, Gabriele Susanne Kerner, zusammen mit Stripes-Schlagzeuger Rolf Brendel nach Berlin. Unter ihrem Künstlernamen Nena tritt sie 1982 im knallengen roten Minirock im ARD-„Musikladen“ auf – und wird über Nacht zum Teenager-Idol. Und 1983 ist sie dank ihres größten Hits „99 Luftballons“ sogar in den USA, Kanada und Australien bekannt.

Berühmt und aus Hagen: Nena. Foto: Heike Wahnbaeck

Berühmt und aus Hagen: Nena. Foto: Heike Wahnbaeck

Auch Nenas Heimat Hagen bekam etwas vom Ruhm ab. Denn aus der Stadt an der Volme kamen noch weitere in den 70er und 80er Jahren populäre Musiker: die freche Band Extrabreit, deren Lieder „Hurra, hurra, die Schule brennt“ und „Flieger, grüß mir die Sonne“ landauf, landab mitgesungen wurden. Oder die Schwestern Inga und Annette Humpe, die mit Bands wie Neonbabies und Ideal für Furore sorgten und 1983 im Nummer-1-Hit „Codo“ der Band DÖF reimten: „Und ich düse, düse, düse, düse im Sauseschritt / und bring’ die Liebe mit / von meinem Himmelsritt.“

Dazu The Ramblers mit Sänger Hartwig Masuch, heute Chef des Musikriesen BMG, bei dem die Rolling Stones unter Vertrag stehen. Und nicht zuletzt die experimentierfreudige Krautrockband Grobschnitt, die Pioniere der Hagener Szene. Der Musikjournalist Alfred Hilsberg, der den Begriff „Neue deutsche Welle“ prägte, nannte Hagen wegen seiner Bandszene das „deutsche Liverpool“. Die „Bravo“, die „Bunte“, der „Stern“ berichteten über Hagen und die Gruppe Extrabreit empfahl: „Komm nach Hagen, werde Popstar, mach dein Glück“.

Rund 40 Jahre nach Nenas erstem Konzert ist das Interesse an der früheren Hagener Musikszene neu entflammt. Der Soziologe Prof. Dr. Frank Hillebrandt von der Fernuniversität Hagen und sein Team haben untersucht, warum gerade die 220000-Einwohner-Stadt zwischen Ruhrgebiet und Sauerland für die Neue Deutsche Welle so wichtig werden konnte. „Aufgrund des Strukturwandels waren in Hagen die Mieten niedrig“, sagt Frank Hillebrandt. In Stadtteilen wie Wehringhausen konnten sich die jungen Musiker sogar große Wohnungen leisten. Zudem gab es seit der Beat-Ära eine lebendige Musikszene und schon sehr früh Jugendzentren, in denen Bands auftreten konnten. Mit Grobschnitt hatte Hagen zudem eine „Vorbild-Band“, die in den 70ern bundesweit gefeiert wurde.

Treffen am Tresen

In Hagen entstand außerdem eine für Musiker ideale Infrastruktur: mit preisgünstigen Studios, qualifizierten Technikern, eigenen Labels, zwei Musikzeitschriften und dem „Musikertreff“, wo man Instrumente leihen konnte. Man traf sich in bestimmten WGs und Kneipen der Stadt, ging in die Disco „Madison“, wo Nena und Inga Humpe kellnerten, besuchte das Musikfestival am Bismarckturm. „Das Zusammenkommen, der Austausch ist das Wichtigste für eine solche Szene“, betont Hillebrandt.

„Man hat sich vor dem Tresen getroffen“, erzählt die Grafikdesignerin Heike Wahnbaeck, die damals mit vielen Bands zusammengearbeitet hat. „Alle waren gut vernetzt und haben an einem Strick gezogen. Und oft wurde spontan die Band gewechselt.“ So spielte zum Beispiel ihr langjähriger Lebensgefährte „Hunter“, der 2007 verstorbene Wolfgang Jäger, erst bei Styx den Bass, dann bei Grobschnitt, später bei den Stripes und schließlich bei der Gruppe Extrabreit, mit der er 1982 zwei Goldene Schallplatten erhielt. Heike Wahnbaeck: „Plötzlich liefen Eltern stolz mit Extrabreit-T-Shirts herum, die vorher noch zu den Musikern gesagt hatten: Mach’ doch was Anständiges.“

Im Vorjahr hat Heike Wahnbaeck eine Ausstellung über die Hagener Szene im Osthaus-Museum kuratiert und ein Begleitbuch herausgegeben. Die Schau war ein großer Erfolg. Zur Eröffnung kamen viele Musiker, manche von weit her angereist, und schwelgten in Erinnerungen. „Das war wie ein Klassentreffen“, freut sich Heike Wahnbaeck über die gute Resonanz. Und heute? „Es gibt in Hagen immer noch eine große Musikszene mit vielen Bands“, beobachtet Frank Hillebrandt. Nur der große Durchbruch, wie seinerzeit bei der Neuen Deutschen Welle, ist bislang noch keiner gelungen.

Martin Zehren

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