Gifty Wiafe und Emmanuel Edoror in der Performance „Be Longing“ vom Cactus Junges Theater aus Münster, in der Veranstaltungsreihe des Eine Welt Netz NRW e. V. Foto: Ralf Emmerich
07.03.2024

Koloniale Verflechtungen

Die Veranstaltungsreihe „(Post)kolonial vor Ort“ startet am 12. März mit einer „Zukunftswerkstatt“ rund um das Thema Erinnern an den Kolonialismus. Sie ist Teil des Themenjahres „POWR! Postkoloniales Westfalen-Lippe“. Im Interview berichten Dr. Georg Lunemann, Direktor des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL), und LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger, was dahinter steckt.

LWL-Direktor Dr. Georg Lunemann. Foto: LWL/Kapluggin

LWL-Direktor Dr. Georg Lunemann. Foto: LWL/Kapluggin

Was hat Westfalen-Lippe mit Kolonialismus zu tun?
Dr. Georg Lunemann: Der Kolonialismus in Deutschland wird oft mit den damals handelsstarken Städten wie Hamburg oder Bremen verbunden. Wenige wissen von den kolonialen Verflechtungen ehemaliger oder auch heute noch bestehender Unternehmen in der Region Westfalen-Lippe. Oder denken dabei an Menschen, die während der Kolonialzeit mit missionarischen Ambitionen in die damaligen Kolonialstaaten reisten. Bürgerinnen und Bürger in Westfalen-Lippe wiederum genossen Konsumgüter aus dem neuen Handel oder besuchten sogenannte Völkerschauen. Eines unserer Förderprojekte des LWL-Medienzentrums macht das an einem Podcast über die Lebensgeschichte des Kolonisten Heinrich Schulte-Altenroxel deutlich. Straßennamen, Denkmäler, die an ehemalige Kolonisten erinnern, oder Sammlungen in Museen, deren Exponate aus kolonialen Kontexten stammen, sind heute noch Zeichen dieser zahlreichen Verflechtungen. Viele davon werden in unseren Projekten aufgegriffen.

Inwiefern betrifft unsere koloniale Vergangenheit den Alltag der Menschen hier und heute?
Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger: Auf einer sehr alltäglichen Ebene möchte ich die Frage gern mit meinem Start in den Tag beantworten: mein Kaffee am Morgen, der Blick auf das Handy und in die Zeitung. Dass viele unserer Konsumgüter am Frühstückstisch aus Ländern des globalen Südens importiert werden, ist vermutlich weit bekannt. Dass die seltenen Erden in unseren Handys zum Teil auch dort gewonnen werden, die Wertschöpfung jedoch nicht in den Herkunftsgebieten, sondern fast ausschließlich bei uns erfolgt, sind weniger bewusste Aspekte. Diese Wirtschafts- und Handelsbeziehungen ebenso wie Bilder über Afrika allein als Kontinent der Armut und der Krise gehen auch auf koloniale Macht- und Herrschaftssysteme zurück. Nicht-weiße oder migrantisierte Menschen, die hier in Westfalen-Lippe leben, spüren noch immer diese Ressentiments durch Rassismuserfahrungen im Alltag. Zu erkennen, dass Aspekte im Alltag unserer heutigen Gesellschaft auf koloniale Verflechtungen zurückzuführen sind, öffnet den Blick für neue Perspektiven, zum Beispiel auf aktuelle Diskurse über Denkmäler und auch auf gegenwärtige Konflikte außerhalb von Europa.


Hund Milik mit dem Autor und Humoristen Erwin Grosche aus Paderborn

Hund Milik mit dem Autor und Humoristen Erwin Grosche aus Paderborn

Dieser Artikel ist aus  Heft 01/2024 des WESTFALENSPIEGEL. Gerne senden wir Ihnen im Rahmen unseres Schnupperabos zwei kostenlose Ausgaben zu. Hier geht´s zum Schnupperabo.


Die LWL-Kulturstiftung widmet sich in einem Themenjahr dem „Postkolonialen Westfalen-Lippe“. Welche Chancen sehen Sie?
Rüschoff-Parzinger: Kultur hat die Kraft, Menschen zu verbinden – gleich welcher Herkunft, welchen Alters, welchen Geschlechts und welcher Religion. Auch aus diesem Grund ist unser Themenjahr an dem Titel „POWR!“ zu erkennen, der an das englische Wort „power“, also Kraft angelehnt ist. Wir möchten die Energie und Dynamik, die unsere vielfältigen Kulturangebote in sich tragen, an das Publikum weitergeben. Zum Beispiel durch Mitmach-Angebote, aber auch durch Impulse zu ausgewählten Aspekten, die sich alle – mal deutlich und mal weniger augenscheinlich – mit der kolonialen Vergangenheit verbinden lassen. Damit hat das Jahr die Chance, Menschen für verschiedene Perspektiven zu sensibilisieren, und Dialogräume anzubieten für Möglichkeiten, die das gemeinsame Überwinden der kolonialen Auswirkungen umfassen.

Kein einfaches Thema: Welche Herausforderungen kann die Auseinandersetzung mit unserer postkolonialen Gegenwart bringen?
Lunemann: Ja, genau deshalb erfordert die Aufarbeitung unserer kolonialen Vergangenheit von uns allen einen sehr umsichtigen und sensiblen Umgang: Denn die Kolonialzeit hat viel Leid und Schmerz herbeigeführt, etwa bei der Landnahme selbst, im Menschenhandel oder zum Beispiel bei sogenannten Völkerschauen. Das kann heute noch Betroffenheit und Schmerz auslösen. Auch Scham und Schuldgefühle sind möglich. Beiden Reaktionen wollen wir mit möglichst vielen Perspektiven und einem respektvollen Umgang begegnen.

LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger

LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger

Denkmäler und Straßennamen mit Bezug zum Kolonialismus sind zunehmend umstritten. Wie sollten wir mit ihnen umgehen?
Rüschoff-Parzinger: Grundsätzlich ist es wichtig, dass wir die Meinungen der Menschen hören. Gerade bei den von Ihnen genannten Beispielen ist immer ein sehr genauer Blick nötig, denn es gibt nicht den einen pauschalen Umgang mit allen Denkmälern und Straßennamen, die Verbindungen zum Kolonialismus in sich tragen. Uns ist es wichtig, dass wir Räume und Foren haben, wo verschiedene Perspektiven auf ein Denkmal, einen Straßennamen benannt werden können. Dieser interaktive Prozess ist für viele Gemeinden und Städte wichtig und spannend – es geht um die Frage, wie wir zusammenleben möchten. Auf Grundlage dieser eventuell verschiedenen Lesarten lassen sich dann Handlungsempfehlungen erarbeiten – deren Spektrum im Übrigen sehr weit reichen kann: von Abriss, über Versetzen, Kontextualisieren durch zum Beispiel künstlerische zeitgenössische Interventionen bis hin zu Vermittlungsangeboten.

In vielen Museen in den Städten und auch im ländlichen Raum gibt es Objekte aus der Kolonialzeit. Was ist dort zu tun?
Rüschoff-Parzinger: Ein Teil der originären Aufgaben von Museen ist es, die Sammlungsbestände zu erforschen. Dazu gehört auch die sogenannte Provenienzforschung, also die Erforschung der Herkunft von Exponaten. Gerade im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus, aber auch bei Exponaten, die in der Kolonialzeit nach Deutschland und anschließend an deutsche Museen gekommen sind, ist es besonders wichtig, die Herkunft –soweit es geht – lückenlos zu erforschen. Das ist eine intensive und umfassende Arbeit, die an vielen Häusern – gerade an unseren LWL-Museen – teils durch Fachpersonal durchgeführt wird. Eine NRW-weite Anlaufstelle koordiniert die Arbeit von Expertinnen und Experten und bietet auch Datenbanken und Foren für die gemeinsame Recherche. Dem Erforschen als erste Maßnahme folgt dann das Einordnen und Entwickeln von Möglichkeiten zum Umgang mit „geraubten“ Werken. Das kann unter Umständen das Überführen von Exponaten an die ursprünglichen Eigentümer umfassen, wie jüngst bei einigen der Benin-Bronzen nach Nigeria. Vielen kleineren Museen fehlt es jedoch an fachlicher Expertise und vor allem an personellen Ressourcen für die Forschungsarbeit. Hier setzt das Projekt „Mapping the object“ von der Universität Münster an. Es will Objekte aus kolonialen Kontexten in westfälisch-lippischen Museen überprüfen, standardisieren und ergänzen.

Kaffeewerbung vermittelte häufig stereotype und diskriminierende Klischeebilder – zu sehen in der Ausstellung

Kaffeewerbung vermittelte häufig stereotype und diskriminierende Klischeebilder – zu sehen in der Ausstellung „Macheten, Tabak, Edelsteine“ im LWL-Freilichtmuseum Hagen.
Foto: Heike Wippermann

Westfalenweit sind im Themenjahr 22 Projekte geplant. Welche Bereiche sind Ihnen besonders wichtig?
Lunemann: Unsere eigenen Museen beteiligen sich mit vier größeren Ausstellungen am Themenjahr. Die Ankerausstellung „Das ist kolonial“ über Westfalens Erbe im LWL-Industriemuseum Zeche Zollern in Dortmund bietet ab Sommer 2024 einen wichtigen Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit dem Thema: Hier geht es genau darum, Westfalens Berührungspunkte mit dem Kolonialismus aufzuzeigen. Gerade die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen stehen im Mittelpunkt der Ausstellung im LWL-Freilichtmuseum in Hagen, aber auch bei der im LWL-Industriemuseum Zeche Nachtigall in Witten. Bereits eröffnet hat die Schau „Auf schwankenden Planken“ über Preußen auf See im LWL-Preußenmuseum Minden. Auch ein Musical greift Wirtschafts- und Handelsbeziehungen auf. Sehr konkret begeben sich mehrere Projekte auf Spurensuchen vor Ort, teils als Mitmach-Angebote für Schulgruppen oder interessierte Bürgerinnen und Bürger. So widmet sich die GrünBau gGmbH aus Dortmund zum Beispiel der kolonialen Vergangenheit und der Weiterentwicklung des „Heimathafen Nordstadt“ in Dortmund.

Interview: Westfalenspiegel/Martin Zehren

Das Themenjahr „POWR! Postkoloniales Westfalen-Lippe“ der LWL-Kulturstiftung bietet 22 Kulturprojekte an zahlreichen Orten. Am Dienstag, 12. März, startet „(Post)kolonial vor Ort“ mit Workshops, Podiumsdiskussionen und Vorträgen, sowie Filmforen, die das LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte in Kooperation mit der Historischen Kommission für Westfalen des LWL und weiteren Partnern organisiert hat. Zu erleben sind Ausstellungen, Theater, Performances, Veranstaltungsreihen sowie Medien-, Forschungs- und Vermittlungsprojekte, darunter Podcasts.

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