Erfolgreiche Premiere: Das "Places Virtual Reality Festival" 2018. Foto: Angie Schumann
28.09.2018

Digitalisierung bleibt weiter eine Baustelle

Schnelles Internet wird zum Wirtschaftsfaktor. Gelsenkirchen will als vernetzte Stadt den Wettbewerb um Unternehmen gewinnen.

Kurz vor Beginn des »Places Virtual Reality Festivals« in Gelsenkirchen stand erst einmal analoge Arbeit auf dem Programm: Im Stadtteil Ückendorf rückten die Bagger an, um zehn Kilometer Glasfaserleitungen unter die Erde zu legen, zudem wurden zwölf WLAN-Hotspots eingerichtet. Die Leitungen waren die Voraussetzung, um Aktionen, Wettbewerbe und Workshops rund um Technologien der virtuellen Realität zu veranstalten. Der Einsatz lohnte sich: Das bundesweit erste öffentliche Virtual Reality Festival konnte am 19. April dieses Jahres starten. Mit 2000 Besuchern an 30 Erlebnisstationen feierte es eine erfolgreiche Premiere.

Gelsenkirchen ist spitze

Gelsenkirchen setzt auf die Digitalisierung. Die Ruhrgebietsstadt, überregional eher bekannt für Fußball und hohe Arbeitslosenquoten, will auf diesem Gebiet ein Pionier sein. Ob es um smarte Parkplätze, schnelle Leitungen oder eben um ein Festival für die digitale Zukunft geht. Bereits vor zehn Jahren setzte sich die Stadt als eine der ersten für den Ausbau des Netzes ein; Fördergelder aus dem Konjunkturpaket II wurden in schnelle Glasfaserleitungen investiert. Heute zählt Gelsenkirchen zu den Städten mit der besten Infrastruktur im Landes- und auch im Bundesvergleich. Alle Schulen arbeiten dank Glasfaseranschluss mit digitalen »White Board«-Tafeln, sämtliche Gewerbe- und Neubaugebiete sind ebenfalls angeschlossen. Mehr als 97 Prozent der Haushalte können laut dem aktuellen Breitbandatlas NRW schnelles Internet mit Übertragungsraten von mindestens 50 Megabit pro Sekunde nutzen. Als eine der ersten Kommunen will Gelsenkirchen auch den Mobilfunkstandard 5G anbieten.

Mit diesem Pfund will die Stadt wuchern: In einer großen Anzeigenkampagne wirbt Gelsenkirchen aktuell mit ansässigen Unternehmern bundesweit für die »vernetzte Stadt«. Die Hoffnung ist, dass sich mehr Firmen für den Wirtschaftsstandort entscheiden, weil es dort eine gute Netzabdeckung und ein hohes Engagement für die Technologie gibt.

Dortmund ist „digitalste Stadt“

Die Digitalisierung gilt als zentraler Standortfaktor. Im Wettbewerb um Unternehmensansiedlungen konkurrieren Städte mit schnellen Datenleitungen und digitalen Lösungen: Gelsenkirchen präsentiert sich als »Stadt der 1000 Möglichkeiten«, die »Smart City« Dortmund darf sich dank einer Auszeichnung der Stiftung Lebendige Stadt nun »digitalste Stadt« nennen und der Digitalisierungskompass des Prognos Instituts weist Münster als digitalen Spitzenreiter in Westfalen aus.

Eines der Werbemotive der Gelsenkirchener Standortkampagne zeigt den Künstler Roman Pilgrim. Als Mitglied der »Insane Urban Cowboys«, einem Verband von Kreativen und Kulturschaffenden im Stadtteil Ückendorf, hat er das »Virtual Reality Festival« organisiert und wirbt für seine Heimatstadt. Das Gelsenkirchener Arbeiterviertel biete günstigen Raum für Künstler und schnelle Leitungen, die er für seine Arbeit und eine solche Veranstaltung benötigt, sagt er.

Ländlicher Raum läuft hinterher

Nicht überall in der Region ist der Ausbau der digitalen Infrastruktur so weit fortgeschritten. Gerade im ländlichen Raum gibt es Gemeinden, in denen ein Großteil der Einwohner nur mit einer niedrigen Geschwindigkeit im Internet surfen kann, zeigt der aktuelle Breitbandatlas NRW. Lichtenau im Kreis Paderborn, das münsterländische Tecklenburg und Meinerzhagen im Märkischen Kreis sind nur einige von zahlreichen Beispielen. Selbst in Großstädten wie Münster und Hamm gibt es noch Stadtviertel, in denen die Daten nur langsam durch die Kupferleitungen fließen. Hier stocken Online-TV-Programme während der Übertragung und es ist schwierig, mehrere Anwendungen parallel zu nutzen. Unternehmen haben Probleme, größere Dateien zu versenden oder eine Zahlung per EC-Karte zu verarbeiten. Das Handy funktioniert stellenweise gar nicht. Willkommen im Funkloch.

Glasfaser für alle dauert noch

Warum Westfalen ein digitaler Flickenteppich ist? Stefan Glusa, Geschäftsführer der kommunalen Telekommunikationsgesellschaft Südwestfalen, sieht strukturelle Probleme: »Seit der Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes vor 20 Jahren haben sich der Ausbau und die Qualität der Netze regional sehr unterschiedlich entwickelt. Wir haben nun mal keine ›Planwirtschaft‹, in der man eine bestimmte Technik verordnen kann. Daher investieren Netzbetreiber vor allem in den Gebieten, wo sie sich den größten wirtschaftlichen Erfolg versprechen.« Der politische Wille zur Digitalisierung sei mittlerweile zwar vorhanden; Bund und Land stellen Milliardensummen für den Netzausbau zur Verfügung, berichtet der Netzexperte. Kurzfristig könne jedoch nicht die gesamte Infrastruktur auf einmal modernisiert werden, so Glusa: »Selbst wenn es nun die Entscheidung gäbe, dass jeder Haushalt in Deutschland einen Glasfaseranschluss erhalten soll, wird es etwa 20 bis 30 Jahre dauern, diese Netze aufzubauen.«

Glusa engagiert sich für den Ausbau der Netze und unterstützt Städte und Kreise im Wettbewerb um Fördergelder. Übereinstimmend mit seinen Kollegen in Gelsenkirchen betont er, dass Investitionen in schnelle Internetleitungen zur kommunalen Daseinsvorsorge zählen sollten, ähnlich dem Straßenbau oder der Strom- und Wasserversorgung. »Wir müssen heute schon die Netze bauen, die wir für die Technologien und Anwendungen von morgen brauchen«, sagt er.

Digitalisierung als freiwillige Leistung

Der Ausbau von Breitband- und Glasfasernetzen zählt zu den freiwilligen Aufgaben der Städte und Kreise. Anders als bei kommunalen Pflichtaufgaben müssen sich die Kommunen hier nicht engagieren. »Das bedeutet, dass das Thema in einem Ort bei der Verwaltung angesiedelt ist, in dem anderen aber unter Umständen bei einer Bürgerinitiative. Ideal wäre es, wenn es überall hauptamtliche Kümmerer gäbe«, sagt Stefan Glusa. Der Netzexperte ist jedoch optimistisch: »Das Thema ist in der Verwaltung sowie auch bei Kammern und in den Verbänden angekommen. Es gibt verschiedenste Möglichen, um den Netzausbau zu fördern. Niemand muss heute mehr in einem weißen Fleck sitzen.« Gleichzeitig plädiert Glusa für mehr bürgerschaftliches Engagement in Sachen Digitalisierung: »Im Durchschnitt wollen ein Fünftel der Hausbesitzer gar nicht, dass neue Leitungen durch ihren Garten gelegt werden. Daher ist es wichtig zu erklären, dass wir jetzt die Infrastruktur bauen, die sie in Zukunft benötigen.«

Stadtgeschichte erleben

Für die »Insane Urban Cowboys« um Roman Pilgrim sind digitale Lösungen selbstverständlich. In Ückendorf arbeiten die Kreativen in Ladenlokalen zwischen Shisha-Bar, Trinkhalle und Brautmodenladen. Ihre Nachbarn sind alteingesessene Gelsenkirchener, Migranten unterschiedlicher Herkunft und Studierende. Beim »Places Virtual Reality Festival« trafen diese unterschiedlichen Menschen zusammen. Neben Wettbewerben und Spielen konnten sie mit den Virtual-Reality-Brillen auch ein Stück Stadtteilgeschichte erkunden. Das verfallene »Haus Reichstein«, das als Modellprojekt saniert werden soll, war einer der Spielorte. Aus mehr als 2000 Fotos war ein 3D-Modell errechnet worden, so dass der Gastraum des Gründerzeitbaus nun digital durchschritten werden konnte. Möglich gemacht wurde das durch einen leistungsstarken Computer und durch die Glasfaser.

Annette Kiehl

Dieser Artikel stammt aus dem WESTFALENSPIEGEL Heft 06/2018.

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