Übersicht eines der Grabungsareale im Warsteiner Wald. / Foto: LWL/Thomas Poggel
08.03.2019

NS-Verbrechen im Sauerland: LWL gräbt nach Spuren der Gräueltaten

Mehr als 400 Funde und die jahrelange Forschung in historischen Akten haben es Fachleuten des LWL ermöglicht, den Tathergang eines NS-Verbrechens im Sauerland zu rekonstruieren.

Der LWL-Historiker Dr. Marcus Weidner bezeichnete es am Freitag (08. März) als „eines der größten Verbrechen in der Endphase des 2. Weltkriegs außerhalb von Konzentrationslagern und Gefängnissen“: Im März 1945 ermordeten Angehörige von Waffen-SS und Wehrmacht mehr als 200 polnische und russische Zwangsarbeiter im Arnsberger Wald. In den vergangenen Monaten haben Archäologen des LWL über 400 Funde im Langenbachtal bei Warstein, in einem Waldstück in Meschede-Elversberg und Warstein-Suttrop ausgegraben, die es mit umfangreichen Recherchen in historischen Akten ermöglichen, den Tathergang zu rekonstruieren.

Die meisten Funde stammen aus dem Langenbachtal. Dort wurden 1945 71 Menschen (60 Frauen, 10 Männer und 1 Kind) erschossen. Ihre Leichen wurden mit wenigen Habseligkeiten im Waldboden verscharrt. Unter den Fundstücken befinden sich Gebets- und Wörterbücher, Schuhe, Teile von Kleidungsstücken aber auch Gebrauchsgegenstände wie Geschirr und Besteck. Zudem entdeckten die Archäologen viele Patronenhülsen, die aus den Gewehren der Täter stammen.

Ausgrabungsfunde verdeutlichen Gräueltat

Auch an den anderen Ausgrabungsorten stießen die Wissenschaftler auf Hinweise zur Gräueltat. „Die Ergebnisse“, so Historiker Weidner, „sollen nicht nur die Ereignisse und die Aufarbeitung durch die Justiz nach 1945 dokumentieren, sondern sollen auch für erinnerungskulturelle Projekte eingesetzt werden, etwa der Neugestaltung des Mescheder Friedhofs ‚Fulmecke‘, auf dem die Mordopfer heute ruhen.“ Ziel könne sein, die Orte, die im Zusammenhang mit den Mordaktionen stehen, durch Tafeln zu kennzeichnen und im Rahmen eines „Erinnerungspfads“ als zusammenhängende Orte der Zeitgeschichte erfahrbar zu machen.

„Der LWL nimmt mit seinen Forschungen ganz bewusst eine gesellschaftliche Verantwortung an“, betonte LWL-Direktor Matthias Löb. Nach über 70 Jahren gelinge es, dieses Verbrechen des Nationalsozialismus in der Endphase des Zweiten Weltkriegs in Deutschland weiter aufzuhellen. Die Forschungsergebnisse seien darüber hinaus substantiell für eine Erinnerungskultur. „Wir erleben seit einigen Jahren die Verharmlosung und zunehmende Leugnung der Verbrechen des Zweiten Weltkriegs und der NS-Diktatur. Gerade aber die Mordaktionen sind beispielhaft für diesen Bestandteil unserer Geschichte, dem wir uns stellen müssen“, sagte der LWL-Direktor.

„Würdiger Gedenkort“ gefordert

Einen „würdigen Gedenkort“ für die Opfer forderte der Russlandbeauftragte der Bundesregierung Dirk Wiese. Die Kinder und Enkelkinder der Opfer hätten das Recht zu erfahren, warum ihre Familienmitglieder nicht aus Deutschland zurückgekehrt seien. Warsteins Bürgermeister Dr. Thomas Schöne zeigte sich erschüttert von der „unfassbaren Barbarei“, die hier im Sauerland stattgefunden habe. „Es ist unsere Verantwortung, dass dies nicht vergessen wird und dass es nie wieder passiert“, sagte Schöne weiter.

wsp

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