Alexa von Plettenberg auf einer kahlen Fläche. Foto: Jürgen Bröker
01.10.2020

„Das ist einfach nur traurig“

Gräfin Alexa und Graf Gundolf von Plettenberg gehören zu den rund 150.000 privaten Waldbesitzern in Nordrhein-Westfalen. Im Interview berichten sie von den Folgen des Wassermangels für die Bäume, den Zukunftssorgen und sprechen über den nicht mehr geltenden Erfahrungsschatz ihrer Großeltern und Eltern.

Wie geht es Ihrem Wald?
Alexa von Plettenberg: Sehr schlecht. Wir haben mehrere Waldstücke in den vergangenen Monaten wirklich beerdigt. Anders kann man das nicht sagen. Das ging etappenweise. Zuerst haben wir versucht, mit unseren eigenen Saisonkräften die Schäden einzugrenzen. Dann kam ein Lohnunternehmer. Jetzt ist der Harvester im Wald und beerdigt den letzten Rest. Das ist wirklich schlimm.

Und alles, weil der Borkenkäfer auf den Flächen mit Fichtenreinkulturen leichtes Spiel hat?
Gundolf von Plettenberg: Ja, die Borkenkäfer-Plage hat enorme Ausmaße. Den Vorwurf, dass die Reinkulturen schuld sind, kennen wir. Aber das lasse ich nicht gelten. Der Borkenkäfer gehört zum Wald. Er ist schon immer da. Wenn ausreichend Wasser vorhanden ist, kann sich die Fichte auch gegen den Schädling wehren. Sie produziert dann Harz, mit dem sie den eindringenden Käfer abwehrt.

Nun fehlt aber das Wasser.
Alexa von Plettenberg: Genau. Es gibt viel zu wenig Wasser von oben. Und das schon im dritten Jahr in Folge. Deshalb auch das Drama mit dem Borkenkäfer. Vor allem das Frühjahr war wieder viel zu trocken. Dann ist Wasser aber besonders wichtig, denn dann beginnen die Pflanzen zu arbeiten. Wenn in dieser Phase nichts kommt, hat das schwerwiegende Folgen für die Bäume. Übrigens trifft das nicht nur Nadel-, sondern auch Laubbäume.

Kahle Flächen, wo vor kurzem noch ein dichter Wald stand. Die von Plettenbergs mussten in den vergangenen Monaten einige Hektar Wald "begraben". Foto: Jürgen Bröker

Kahle Flächen, wo vor kurzem noch ein dichter Wald stand. Die von Plettenbergs mussten in den vergangenen Monaten einige Hektar Wald „begraben“. Foto: Jürgen Bröker

Woran merkt man diesen Wassermangel, außer dass sich der Borkenkäfer ausbreitet?
Alexa von Plettenberg: Vor allem daran, dass die Bäume eine enorme Mast entwickeln.

Können Sie das erklären?
Alexa von Plettenberg: Die Bäume blühen plötzlich jedes Jahr. Eigentlich ist das bei der Fichte nur alle sieben Jahre der Fall. Aber der Trockenstress veranlasst die Bäume offenbar dazu, sich vor dem eigenen Tod noch einmal intensiv zu reproduzieren. Und auch das gilt nicht nur für die Nadelbäume. Auch bei der Buche und der Eiche werden die Reproduktionszeiträume immer kürzer.

Also ist die Blüte ein Zeichen von Schwäche?
Gundolf von Plettenberg: Genau. Der Baum ist eigentlich auf Wachstum aus. Er will stark sein. Das kann er jetzt nicht. Also produziert er so viele Nachkommen wie möglich.

Wie sehr können Sie sich unter diesen Voraussetzungen bei der Bewirtschaftung ihrer Wälder noch auf die Erfahrung Ihrer Eltern- und Großeltern verlassen?
Alexa von Plettenberg: Die Frage ist wirklich, ob diese Erfahrungen uns noch weiterhelfen oder ob das alles hinfällig ist. Bisher zählte die Einschätzungen der Eltern, auf welchem Boden welcher Baum gut funktioniert. Vieles gilt nun aber nicht mehr. Zum Beispiel sind jetzt Böden trocken, die eigentlich immer nass waren. Wenn man in dieser Jahreszeit normalerweise durch den Wald gehen würde, müsste es überall sprudeln. Das tut es aber nicht. Quellen, die immer da waren, sind versiegt. Der Wassermangel ist wirklich das allergrößte Problem.

Welche Konsequenzen hat das für die Zukunftsplanungen?
Gundolf von Plettenberg: Es geht gar nicht so sehr darum, welche Bäume wir noch anpflanzen können. Wir müssen eigentlich zuallererst wissen, wie viel Wasser haben wir noch. Erst dann können wir überlegen, was wir hier überhaupt noch anpflanzen können.

Alexa und Gundolf von Plettenberg mit "Käferholz". Foto: Jürgen Bröker

Alexa und Gundolf von Plettenberg mit „Käferholz“. Foto: Jürgen Bröker

Was ist eigentlich das Besondere an der Fichte, warum ist so wichtig für die Waldbesitzer?
Alexa von Plettenberg: Die Fichte ist der Allrounder unter den Bäumen. Sie kann wirklich für alles gebraucht werden. Vom Kaminholz bis zur Dachlatte lässt sich alles damit machen. Das Holz ist biegsam, leicht zu verarbeiten, schnell trocknend und belastbar.

Gibt es keine Alternativen oder vergleichbaren Hölzer?
Alexa von Plettenberg: Schon, zum Beispiel die Tanne oder die Douglasie. Auch die Lärche hat ähnliche Eigenschaften.

Zumindest mit der Douglasie hat man ja auch schon lange Erfahrung.
Alexa von Plettenberg: Ja, es gibt auch hier im Sauerland Gegenden, in denen diese Art schon seit mehr als 100 Jahren angepflanzt ist. Das ist ein schnell wachsender Baum. Nach 60 Jahren ist er hiebsreif. Bei den Landwirten würde man erntereif sagen. Damit ist die Douglasie schneller als die Fichte. Diese brauchte früher 100 bis 120 Jahre. Heute sind es eher 80 Jahre. Denn die dicken Stämme wollen die Sägewerke gar nicht mehr haben.

Das sind beeindruckende Zeiträume, die verdeutlichen: Das, was Sie als Waldbesitzer jetzt anpflanzen, kommt Ihren Enkelkindern zugute.
Alexa von Plettenberg: So ist es. Was wir jetzt auf die Kahlflächen setzen, kann erst in 25 bis 30 Jahren erstmals genutzt werden. Und bei Laubbäumen dauert das Ganze noch länger. Bis dahin verursachen diese Flächen nur Kosten. Mein Vater hat 1970 Roteichen, Douglasien und Fichten angepflanzt. Auf diesen Flächen sieht man sehr gut, dass die Roteiche noch nicht so weit ist, wie die anderen Bäume. Bei der Douglasie haben wir schon richtig dicke Stämme für Bauholz herausgeholt. Bei der Fichte hatten wir auch schon erste Nutzungen zum Beispiel für Papierholz oder Gartenholz.

"Es ist einfach nur traurig", sagt Alexa von Plettenberg. Foto: Jürgen Bröker

„Es ist einfach nur traurig“, sagt Alexa von Plettenberg zum Fichtensterben. Foto: Jürgen Bröker

Was passiert jetzt, wenn die Fichte als Nutzbaum wegbricht?
Alexa von Plettenberg: Erst einmal können wir aus den Fichtenbeständen in den nächsten Jahren keinen Nutzen mehr ziehen. Wir müssen sehen, dass wir das Holz, das in großen Mengen in unseren Wäldern liegt, noch verkaufen können. Und das zu aktuell sehr schlechten Preisen. Einigen Waldbesitzern bricht dadurch schon die Altersvorsorge weg.

Ist es für Sie keine Option, den Wald sich selbst zu überlassen, damit er sich erholen kann?
Alexa von Plettenberg: Wenn wir das tun und auch den Käfer fressen lassen, wie er will, wachsen natürlich  irgendwann auch auf diesen Flächen wieder Bäume. Aber welche sind das und wie lange wird es dauern? Für uns stellt sich dann die Frage, wovon leben wir in der Zwischenzeit? Und nicht nur wir. Mit dem, was wir mit unserem Wald erwirtschaften, unterstützen wir die Rente der Eltern und finanzieren die Ausbildung unserer Kinder.

Wie stellen Sie sich auf den zunehmenden Klimastress der Bäume ein. Ist der Umbau Ihrer Wälder zum Klimawald eine Lösung?
Alexa von Plettenberg: Dazu muss man ja erst einmal wissen, was Klimawald sein soll. Meistens sagt man, dass es sich dabei um Mischwald handelt. Also Laub- und Nadelbäume in gemischten Beständen. Davon kann ich als Waldbesitzer aber nicht leben. Oder ich muss ihn so mischen, dass ich die Hölzer auch absetzen kann. Da ist vor allem die Sägeindustrie gefragt und die benötigt hier in der Region Nadelholz.
Gundolf von Plettenberg: Buchen sind zum Beispiel aktuell gar nicht gefragt. Vielleicht ist es eine Lösung, Fichte mit Douglasie und Lärche zu mischen. Aber es kann niemand sagen, ob das wirklich funktionieren wird.

Sie wollen trotz allem die Fichte wieder anpflanzen?
Gundolf von Plettenberg: Ja, die Fichte hat hier über 200 Jahre gut funktioniert. Ich gebe sie noch nicht auf.

Empfinden Sie bei all den Problemen selbst noch Freude, wenn Sie durch Ihren Wald gehen?
Alexa von Plettenberg: Ja, auf jeden Fall. Im Wald zu sein etwas ganz Wunderbares. Wenn man dann allerdings schon wieder einen Baum sieht, der vom Käfer befallen ist, geht die Stimmung gleich wieder in den Keller. Das ist dann einfach nur traurig.

Alexa von Plettenberg ist Vorsitzende des Vereins der Waldbesitzerinnen in NRW. Der Verein bietet Waldbesitzerinnen eine Möglichkeit zum Netzwerken und für fachliche Fortbildungen. Gemeinsam mit ihrem Mann Gundolf von Plettenberg bewirtschaftet sie in Finnentrop im Sauerland etwa 800 Hektar Wald.

Interview: Jürgen Bröker

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