Annette Kurschus ist seit November 2021 die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Foto: Jens Schulze
22.02.2022

„Ein tiefgreifender Wandel ist längst im Gang“

Die westfälische Präses Annette Kurschus steht seit November 2021 an der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland. Im Interview mit dem WESTFALENSPIEGEL erklärt sie, vor welchen Veränderungen die Gemeinden stehen und wie Kirche junge Menschen anspricht. Kurschus erzählt, wie die Zeit als Pfarrerin im Siegerland sie geprägt hat und warum sie gern im Sonntagsgottesdienst predigt.

Frau Kurschus, wie fällt Ihre Bilanz der ersten Monate im Amt aus?
Zunächst einmal hat mich das große öffentliche Interesse rund um die Wahl sehr gefreut. Das zeigt, dass Kirche nach wie vor eine prominent wahrgenommene Akteurin in unserer Gesellschaft ist. Es gilt jetzt, mein Amt als Präses der westfälischen Landeskirche mit dem Ehrenamt des Ratsvorsitzes zu verknüpfen. Das erfordert zusätzliche Zeit und hohe Konzentration, ist aber auch eine lohnende und reizvolle Aufgabe.

Von welchen Erfahrungen können Sie profitieren?
Die westfälische Landeskirche wird von der Vielfalt unterschiedlicher Regionen geprägt – vom Siegerland bis ins Ruhrgebiet, vom Münsterland bis nach Ostwestfalen. Jede Region tickt ein wenig anders und lebt Kirche auf eigene Weise. Diese Vielfalt innerhalb Westfalens hat mich darin trainiert, trotz regionaler Eigenheiten zu verbindlichen Gemeinsamkeiten zu gelangen. Das ist auch auf der deutschlandweiten Ebene von Kirche immer wieder die Aufgabe. Hier wie dort gilt: Überall gibt es spezielle Traditionen und Profile, gleichzeitig wollen wir gemeinsam erkennbar sein als „Evangelische Kirche von Westfalen“ bzw. als „Evangelische Kirche in Deutschland“. 

Was können andere Landeskirchen von Westfalen lernen?
In Westfalen legen wir großen Wert darauf, dass die Entscheidungsprozesse in den Kirchengemeinden vor Ort beginnen. Dort also, wo das kirchliche Leben spielt. Deshalb kosten Entscheidungen in der Regel viel Zeit und Kraft. Wenn es gut geht, sind getroffene Entscheidungen dann nachhaltig, weil alle beteiligt wurden.

Prognosen zufolge wird die Evangelische Kirche bis 2060 ungefähr die Hälfte ihrer Mitglieder verlieren. Wird es dann nur noch jede zweite Kirche geben?
Mit dem Rückgang der Mitgliederzahlen sind automatisch auch finanzielle Einbußen verbunden. Wir müssen planen, wie wir das Gemeindeleben und auch unsere Gebäude in Zukunft finanzieren können. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden in etwa so viele Kirchen neu gebaut, wie von der Reformationszeit bis zu diesem Zeitpunkt – also sehr viele. Nun müssen wir etliche Kirchen schließen und entwidmen. Das ist jedes Mal ein sehr schmerzlicher und trauriger Prozess, denn mit jedem Gebäude sind kostbare Erinnerungen verbunden. Zugleich stimmt auch: Manches Kleinerwerden ist ein Zurückgehen auf angemessenes Maß.

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Wird es in Zukunft auch weniger Pfarrer geben?
Ja, auch auf personeller Ebene ist ein tiefgreifender Wandel längst im Gang. Hier und da erproben wir gerade so genannte „interprofessionelle Pastoralteams“, die aus Pfarrerinnen/Pfarrern und Mitarbeitenden anderer Berufsgruppen bestehen – darunter Kirchenmusikerinnen und Jugendmitarbeiter, Gemeindepädagoginnen und Diakone usw. Hier ist in besonderer Weise spürbar, dass es beim Kleinerwerden nicht nur um Verlust geht, sondern dass wir dabei auch Neues hinzugewinnen. Wir schauen im Zuge dieser Veränderungen genau hin, welche Professionen in den  einzelnen Gemeinden besonders gebraucht werden. Das sieht im ländlichen Raum oft völlig anders aus als in der Stadt.  

Also eine weitere Veränderung?
Über lange Zeit waren die Pfarrerinnen und Pfarrer in unseren Gemeinden für alles zuständig, von der Predigt über die Gestaltung des Gemeindebriefs bis hin zum Braten der Grillwurst beim Sommerfest. Wenn hier eine Konzentration auf die Kernkompetenzen von ausgebildeten Theolog*innen stattfinden kann, halte ich das für einen Gewinn. Vieles können anders Ausgebildete in der Gemeinde so viel besser. Mit den Interprofessionellen Pastoralteams besteht die große Chance, Gemeindearbeit zeitgemäß und gabenorientiert aufzustellen. 

Die Mitgliedschaft in einer Kirche ist längst nicht mehr selbstverständlich.
Noch vor einigen Jahrzehnten gehörte es zur gesellschaftlichen Konvention, zu einer der beiden großen Volkskirchen zu gehören. Diese Selbstverständlichkeit ist weggebrochen. Zugleich bemerke ich eine Sehnsucht nach Orientierung und nach einer verlässlichen Kraft, die trägt. Hier hat die Kirche eine Aufgabe, die in unserer Gesellschaft dringend gebraucht wird. Wir halten das Leben offen für eine Kraft, die nicht aus uns selbst kommt. Mich beschäftigt die Frage, warum wir die Menschen damit offenbar immer weniger erreichen. 

Annette Kurschus predigt regelmäßig in Bielefeld-Bethel. Foto: EKvW / Barbara Frommann

Annette Kurschus Annette Kurschus wurde 1963 in Rotenburg an der Fulda geboren und ist in Siegen aufgewachsen. Nach dem Studium in Bonn, Marburg, Münster und Wuppertal war sie als Vikarin und Gemeindepfarrerin im Siegerland tätig. 2011 wurde sie von der westfälischen Landessynode zur Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen gewählt. Seit November 2021 ist sie die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Sie predigt regelmäßig in Bielefeld-Bethel. Foto: EKvW / Barbara Frommann

Welche Gründe erkennen Sie?
Viele interessieren sich zwar für Glaubensfragen, stoßen sich aber an der Kirche als Institution. Oft geht es um schlichte finanzielle Gründe. Zum Beispiel in der Phase des Berufseinstiegs, wenn der erste Gehaltszettel kommt, auf dem die Kirchensteuer ausgewiesen ist, und gleichzeitig Themen wie Hausbau oder Autokauf anstehen. Da wird nüchtern kalkuliert und abgewogen: Was „nützt“ mir im Moment mehr? 

Welche Angebote können Gemeinden jungen Menschen machen, die sich in dieser Phase befinden?
Unzählige Gemeinden und Einrichtungen in Westfalen sind an dieser Stelle wach und innovativ und beschäftigen sich intensiv mit kreativen Angeboten. Das gilt sowohl für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen als auch im Blick auf neue Formate für junge Erwachsene etwa im Bildungsbereich. Die Anfrage nach Übungen für das persönliche geistliche Leben ist groß. Zur anstehenden Fastenzeit sind das zum Beispiel die Sieben-Wochen-Ohne-Aktionen. Meistens geht es um zeitlich begrenzte Projekte oder um einzelne Veranstaltungen. Die dauerhafte Bindung an eine Gruppe über viele Jahre hinweg ist heute bei jungen Menschen nicht mehr so gefragt.

Sie waren zwölf Jahre lang Gemeindepfarrerin im Siegerland. Welche Erfahrungen haben Sie dort gesammelt?
Die Zeit in der Gemeinde war eine ungeheuer reiche und bereichernde Zeit. Wunderschön und manchmal auch traurig schwer. Ich habe Menschen in vielen Lebenssituationen begleitet, ob auf dem Weg zur Konfirmation, bei der Taufe eines Kindes, im Sterbeprozess oder in der Trauer nach einem Tod. Immer wieder habe ich unmittelbar gespürt, wie die Kraft des Evangeliums Menschen berührt und stärkt. In dieser Zeit habe ich viel gelernt, und das bleibt ein Schatz fürs Leben, aus dem ich heute in meinen Leitungsaufgaben schöpfen kann.

Man kennt Sie von großen Gottesdienstfeiern. Stehen Sie als Pfarrerin noch sonntags auf der Kanzel?
Ich feiere nach wie vor viele Gottesdienste und predige gern. Meistens sind das besondere Anlässe wie Jubiläen oder Amtseinführungen. In der Zions-Gemeinde in Bielefeld-Bethel bin ich im regulären Predigtdienst eingeteilt und feiere an einigen Sonntagen zusammen mit der Ortsgemeinde. An diesem Ort im Gottesdienst „zu Hause“ zu sein, genieße ich sehr. Da spüre ich, dass mein Herz bei den Menschen ist, die Kirche vor Ort leben.

Interview: Annette Kiehl, wsp

Ein Porträt von Annette Kurschus finden Sie im WESTFALENSPIEGEL 1/2022. Gerne senden wir Ihnen im Rahmen unseres Probeabos zwei kostenlose Ausgaben zu. Hier geht’s zur Probeabo-Bestellung.

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