Die Talbrücke Rahmede auf der A45 ist seit dem 2. Dezember 2021 gesperrt. Foto: Autobahn Westfalen
02.12.2022

„Die Sprengung wird ein Meilenstein sein“

Vor genau einem Jahr, am 2. Dezember 2021, wurde die Rahmedetalbrücke bei Lüdenscheid gesperrt. Für die Stadt und die Region eine Katastrophe: Speditionen und Pendler leiden unter Staus, Anwohner der Umleitungsstrecken unter Lärm und Unternehmen haben Sorge, dass Fachkräfte angesichts der Belastung kündigen. Sebastian Wagemeyer ist nicht nur Bürgermeister von Lüdenscheid, sondern auch Bürgerbeauftragter für den A45-Brückenneubau. Im Interview zieht er eine Bilanz des Jahres.

Herr Wagemeyer, was hat ein Jahr Brückensperrung mit der Stadt und der Region gemacht?
Die Brückensperrung ist eine erhebliche Belastung für die Stadt und die Menschen. Manche haben resigniert oder sind angesichts einer für sie unerträglichen Situation wütend. Dafür haben wir volles Verständnis, zumal wir selbst täglich von den Auswirkungen betroffen sind. Viele Menschen sagen aber auch: Wir sind Lüdenscheider, wir packen das. Sie engagieren sich an verschiedenen Stellen, um die Situation ein kleines Stück zu verbessern. So konnten wir zum Beispiel einen Appell an die Speditionsbetriebe organisieren mit dem Ziel, Lüdenscheid großräumig zu umfahren. LKW heimischer Speditionen werben als eine Art fahrende Litfasssäule ebenfalls für dieses Anliegen. Wenn dann 50 LKW weniger durch die Stadt rollen, hilft uns das schon weiter.

Gab es in diesem Jahr auch gute Nachrichten für Lüdenscheid?
Ein positives Signal war die Zusage des Bundes, ein digitales Fortbildungszentrum für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer mit 7,5 Millionen Euro zu fördern. Den Plan für dieses Zentrum gibt es in Lüdenscheid schon seit ein paar Jahren, denn wir wollen uns als Bildungsstandort profilieren. Diese Förderung hätte ohne die Brückensperrung aber sicherlich nicht so schnell geklappt und das ist ein positives Signal. Wichtig ist zudem die außergewöhnliche Solidarität, die ich in vielen Situationen spüre. Ob im Verhältnis zwischen der Stadt und der umliegenden Region oder auch unter Arbeitgebern und Gewerkschaften, die mehr denn je zusammenhalten, wenn es darum geht, die Situation etwas erträglicher zu gestalten.

Sebastian Wagemeyer ist seit November 2020 Bürgermeister in Lüdenscheid. Foto: Stefan Schulte-Lippern

Sebastian Wagemeyer ist seit November 2020 Bürgermeister in Lüdenscheid. Foto: Stefan Schulte-Lippern

Eine große Sorge gilt dem Thema Fachkräftemangel.
Die Befürchtung, dass Fachkräfte aufgrund von Staus und Umleitungen kündigen, gibt es bei Unternehmen wie auch zum Beispiel an Schulen oder Krankenhäusern. Das nehmen wir sehr ernst. Bislang betrifft das eher einzelne Fälle, zumal die Firmen versuchen, Pendler mit großzügigen Homeoffice-Regelungen zu unterstützen. Jedoch wissen wir nicht, wie sich das in den nächsten Jahren entwickeln wird. In einer starken Industrieregion wie Südwestfalen benötigen wir Fachkräfte und daher ist die Sorge groß, dass sich diese Menschen für Jobs in anderen Regionen entscheiden werden, weil sie die Belastungen nicht langfristig auf sich nehmen wollen.

Sie sind seit Februar Bürgerbeauftragter für den Neubau der A45-Brücke. Was bedeutet das?
Für mich ist diese Aufgabe ein Ehrenamt. Jedoch finanziert der Bund das Brückenbauer Bürgerbüro. Betroffene und Interessierte erhalten hier Informationen und Unterstützung in allen Fragen rund um den Brückenneubau. Das hilft wiederum auch dem Rathaus der Stadt Lüdenscheid, das in den ersten Monaten nach der Sperrung von den Anfragen und den Anliegen der Bürgerinnen und Bürger und auch von ihrem Frust über die Situation überrollt wurde.

Bund finanziert Lärmschutz

Und was konnten Sie bislang bewirken?
Wichtig ist vor allem, dass ich Teil des Lenkungskreises für den Neubau der Brücke bin. In diesem Gremium, das beim Bundesverkehrsministerium angesiedelt ist und alle zwei bis drei Wochen tagt, bringe ich die Erfahrungen, Probleme und Sorgen der Menschen aus Lüdenscheid und der Region ein. Ganz konkret konnte ich auf diesem Weg bewirken, dass Lärmschutzmaßnahmen, zum Beispiel spezielle Fenster, für Anwohner vom Bund finanziert werden.

Zur Zeit bewegt vor allem die Frage, wann die alte Rahmedetalbrücke gesprengt wird. Wann wird es soweit sein?
Ich kenne den Termin nicht, aber es wird sicherlich nicht mehr lange dauern. Die Fragen zu den umliegenden Grundstücken sind geklärt, derzeit wird die Sprengung vorbereitet und dann werden wir bald auch wissen, wann es soweit ist. Ich sehe, dass die Ungeduld der Menschen wächst, wenn an der Brücke eine Zeitlang scheinbar nichts passiert, obwohl im Hintergrund die Planungen auf Hochtouren laufen. Die Sprengung wird daher sicherlich ein Meilenstein sein und ein wichtiges psychologisches Signal.

Interview: Annette Kiehl, wsp

Lesen Sie mehr über die Sperrung der Rahmedetalbrücke im WESTFALENSPIEGEL 2/2022 und hier.

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