Christian Miele, rechts, im Gespräch mit Sebastian Borek bei der "Hinterland of Things"-Konferenz. Foto: Benni Janzen
07.04.2020

„Start-ups sind besonders heftig betroffen“

Christian Miele, Urenkel des Gütersloher Fabrikanten Carl Miele (1869-1938), kämpft dafür, dass die Gründerszene in der Corona-Krise Unterstützung erhält. Im Interview spricht er über einen „Rettungsschirm“ für Start-ups und Chancen für westfälische Gründer in der Krise.

Herr Miele, wie stark sind Start-ups zurzeit von der Corona-Krise betroffen? 

Start-ups sind besonders heftig von den wirtschaftlichen Konsequenzen der Corona-Krise betroffen, da die allermeisten über keine finanziellen Rücklagen verfügen. Wir haben eine Corona-Umfrage gemacht, an der über 1000 Start-ups teilgenommen haben und die alarmierende Ergebnisse zutage gefördert hat: Neun von zehn Start-ups in Deutschland sind negativ von den wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise betroffen, über 70 Prozent fürchten sogar um die Existenz.

Viele Start-ups aus Westfalen arbeiten mit mittelständischen Unternehmen zusammen. Sind solche Kooperationen angesichts der Krise nun auf Eis gelegt?

Solche Kooperationen sind nicht per se auf Eis gelegt. Es kommt auf den individuellen Fall an, wie arbeitsfähig die Unternehmen sind. Sind beispielsweise Lieferketten durchbrochen oder Betriebe aufgrund von Covid19-Erkrankungen geschlossen, gestaltet sich die Aufrechterhaltung einer solchen Kooperation natürlich schwierig. Generell würde ich aber sagen, dass Start-up-Mittelstand-Kooperationen langfristig durch die Corona-Krise zunehmen werden, da Mittelständler in diesen Tagen noch intensiver spüren, welche Vorteile eine breite und tiefe Nutzung digitaler Tools – die eben oft von Startups angeboten werden – mit sich bringen.

Welche Unterstützung benötigen die Gründer nun?

Wenn wir nicht schnell und substantiell handeln, dann werden die ersten Start-ups schon in wenigen Wochen in die Knie gehen. Staatliche Liquiditätshilfen zu entwickeln, die auch für Start-ups – egal in welcher Stage und welcher Größe – greifen, muss jetzt oberste Priorität haben. Dafür haben wir einen „4-Stufen-Plan“ entworfen, der als ganzheitlicher Schutzschirm die Start-ups aller Branchen und Phasen adressiert, mit dem Ziel deutsche Start-ups in der schweren Zeit zu unterstützen und die geschaffenen Arbeitsplätze zu erhalten.

„Kleine Start-ups nicht vergessen“

Sind die staatlichen „Rettungsschirm“-Fonds für Start-ups ausreichend?

In den letzten beiden Wochen hat sich die Geschwindigkeit der Ereignisse jeden Tag gesteigert. Wir stehen im engen Austausch mit den relevanten Bundesministerien und deren Spitzen, Landesregierungen, der KfW und vielen anderen wichtigen Marktteilnehmern. Wir konnten einige signifikante Erfolge für Start-ups verzeichnen, die sich direkt positiv auf die Liquidität auswirken und das Start-up-Ökosystem nachhaltig stützen werden. Insbesondere sind hier diese beiden Instrumente zu nennen: Der Wirtschaftsstabilisierungsfonds, von dem auch Start-ups mit einer Bewertung von über 50 Millionen Euro profitieren können und die Bereitstellung von zwei Milliarden Euro für einen Matchingfonds, der private Investitionen in Start-ups mit staatlichen Geldern unterstützt. Neben den Soforthilfen für Kleinunternehmen, der Weiterentwicklung des Kurzarbeitergeldes und anderen Instrumenten sind wir hier auf einem guten Weg. Es freut mich zu sehen, wie in so einer Situation über Partei- und Ressortgrenzen hinweg zusammengearbeitet wird, um das deutsche Start-up-Ökosystem zu retten. Ein Puzzlestück, das aber noch fehlt, sind Hilfen für die kleinen Start-ups, die keine Wagniskapitalgeber an Bord haben und die weder vom Matchingfonds noch vom Wirtschaftsstabilisierungsfonds profitieren können. Sie stellen die größte Gruppe dar und dürfen nicht vergessen werden.

Die Krise rückt den Fokus auf die Potenziale der Digitalisierung. Können Start-ups davon profitieren?

Gerade jetzt merken wir, wir sehr digitale Lösungen dazu beitragen, effizient zu wirtschaften, angenehmer zu leben und unsere Ressourcen effizienter einzusetzen. Gerade läuft beispielsweise eine Diskussion darüber, wie sehr vernetzte Gesundheitsdaten uns dabei helfen können, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Ich bin mir sicher, das die Dringlichkeit sich mit digitalen Werkzeugen auseinanderzusetzen, bei ganz vielen Menschen jetzt eine viel größere ist. Da insbesondere Start-ups digitale Lösungen anbieten, werden sie davon am meisten profitieren.

Sie selbst kommen aus einer großen Unternehmerfamilie. Warum engagieren Sie sich heute für die Anliegen der Start-ups statt für den Mittelstand?

Ich engagiere mich für beide, ich werbe für mehr gegenseitiges Verständnis und Kooperationen. Ich bin mir sicher, dass eine unserer großen Chancen als Volkswirtschaft in der klugen Zusammenarbeit zwischen Start-ups und Mittelstand liegt. In gewisser Weise bin ich mit meinem Engagement für Start-ups meiner Familiengeschichte treu geblieben, die ja auch vom „entrepreneurial spirit“, dem Gründergeist, geprägt ist. Ich bin sozusagen auf der Suche nach dem neuen Carl Miele.

Interview: Annette Kiehl / wsp

Mehr zum Thema Start-ups in Westfalen lesen Sie im aktuellen WESTFALENSPIEGEL. Ein Porträt der Founders Foundation in Bielefeld und ihrer Mission, Gründer auszubilden, finden Sie hier.

 

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