An Hochschulen und Universitäten werden Studiengänge in Hebammenwissenschaft aufgebaut. Eine Studentin übt das Aufnehmen eines Neugeborenen in der Lernklinik. Foto: dpa
28.11.2022

„Das Studium wird das Selbstbewusstsein stärken“

Prof. Dr. Nicola Bauer ist nicht nur Hebamme, sondern auch eine Pionierin in Sachen Akademisierung der Ausbildung. An der Hochschule für Gesundheit in Bochum hat sie den Modellstudiengang Hebammenwissenschaft mitaufgebaut und geleitet. Seit April 2022 leitet sie das neu gegründete Institut für Hebammenwissenschaft an der Uniklinik Köln. Im Interview erklärt sie, welche Vorteile das Hebammen-Studium auch den werdenden Eltern bringt.

Frau Prof. Bauer, warum braucht es ein Hebammen-Studium?
Zum einen geht es darum, die EU-Richtlinie zu erfüllen. Deutschland ist das letzte Land in der EU, das die Vollakademisierung der Hebammenausbildung seit 2020 umsetzt. Inhaltlich betrachtet, haben wir in den vergangenen Jahren gesehen, dass die Ausbildung an den Fachschulen für Hebammen gut war, aber angesichts der verantwortungsvollen und immer komplexer werdenden Aufgaben in der Hebammenversorgung und der Geburtshilfe nicht mehr ausreicht.

Nicola Bauer wurde 1962 auf Barbados geboren. Nach einer Ausbildung zur Hebamme in Berlin und einigen Jahren der Berufstätigkeit studierte sie Pflege und Pflegemanagement. Nach verschiedenen Tätigkeiten in Forschung und Lehre übernahm Bauer 2010 eine Professur für Hebammenwissenschaft an der Hochschule für Gesundheit Bochum und leitete ab 2011 auch den Studiengang. Seit April 2022 ist Bauer Professorin für Hebammenwissenschaft an der Uniklinik Köln und leitet dort das neu gegründete Institut für Hebammenwissenschaft. Foto: Michael Wodak

Nicola Bauer wurde 1962 auf Barbados geboren. Nach einer Ausbildung zur Hebamme in Berlin und einigen Jahren der Berufstätigkeit studierte sie Pflege und Pflegemanagement. Nach verschiedenen Tätigkeiten in Forschung und Lehre übernahm Bauer 2010 eine Professur für Hebammenwissenschaft an der Hochschule für Gesundheit Bochum und leitete ab 2011 auch den Studiengang. Seit April 2022 ist Bauer Professorin für Hebammenwissenschaft an der Uniklinik Köln und leitet dort das neu gegründete Institut für Hebammenwissenschaft. Foto: Michael Wodak

Was verändert sich durch die Akademisierung?
Das siebensemestrige Studium umfasst gegenüber der schulischen Ausbildung deutlich mehr Theoriestunden. Damit gibt es nun Raum, um das wissenschaftliche Arbeiten zu erlernen, aber auch mehr Zeit für Diskussionen und das eigenverantwortliche Lernen. Zudem wird im Skills-Lab geübt und Simulationstrainings durchgeführt. Nach Abschluss des Studiums sollten Hebammen in der Lage sein, Ergebnisse von Studien, aber auch Erfahrungen aus der Praxis mit in ihre Arbeit einzubeziehen. An den Universitäten und Hochschulen wollen wir kritische und reflektierte Hebammen ausbilden. Dabei gilt: Das Lernen endet nicht mit dem Abschluss, sondern ist lebenslang. Wir erwarten, dass ein gewisser Teil der Hebammen wieder an die Hochschulen zurückkehrt, um sich in einem Master-Studium zu spezialisieren. Von dieser Expertise werden auch die Kliniken profitieren.

„Wir wissen, wie langfristig die Auswirkungen einer guten Geburt sind“

Und die werdenden Eltern?
Für die ist es ein Vorteil, eine Hebamme zu haben, die evidenzbasiert arbeitet, ihr Handeln reflektiert und eine Offenheit gegenüber Neuem mitbringt. Es ist wichtig, die Familien in Entscheidungen einzubeziehen, um ein positives Geburtserleben zu unterstützen. Schließlich wissen wir, wie langfristig die Auswirkungen einer guten Geburt und einer guten Wochenbettbetreung sind.

Wie können wissenschaftliche Erkenntnisse hier helfen?
Ich nenne ein Beispiel: Lange Zeit war klar, dass eine Frau im Liegen gebärt. Obwohl sie damit gegen die Schwerkraft arbeitet. Seit den 1990er Jahren haben viele Studien gezeigt, dass dies für die Geburt nicht förderlich ist. Vielmehr sind Bewegung und eine aufrechte Position hilfreich. Trotzdem sehen wir immer noch, dass ein Großteil der Frauen liegend gebärt. Nun geht es darum herauszufinden, was an dieser vermeintlichen Normalität verändert werden kann. Erst kürzlich hat eine Studie gezeigt, dass die Einrichtung von Kreißsälen die Wahl der Geburtsposition beeinflusst. Eine Erkenntnis dabei war, dass das Bett eher abseits stehen sollte, um Frauen zur Bewegung anzuregen.

Und welchen Einfluss hat in dieser Situation die Betreuung durch eine Hebamme?
Eine enge Betreuung – am besten eins-zu-eins –  unter der Geburt ist die Voraussetzung, um solche Erkenntnisse im Klinikalltag umsetzen zu können. In dem konkreten Beispiel braucht es eine Hebamme, die erkennt, welche Unterstützung eine Gebärende benötigt, und sie dann eben ermutigt, in Bewegung zu bleiben statt sich hinzulegen.

In vielen Kreißsälen herrscht jedoch Personalmangel. Was kann die Hochschulausbildung an dieser Situation verbessern?
Tatsache ist, dass es heute mehr Hebammen gibt als vor zehn Jahren. Trotzdem fehlen allerorten Kräfte, weil Hebammen ihre Arbeitszeit reduzieren oder aus der klinischen Geburtshilfe aussteigen. Eine Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen spielt hier häufig eine Rolle. Angesichts dieser Situation findet in vielen Kliniken aber auch ein Umdenken statt. Hier steht immer stärker die Frage im Mittelpunkt, wie es erreicht werden kann, dass Hebammen langfristig gesund und im Beruf bleiben. Die Akademisierung schafft hier eine neue Perspektive. Ähnlich wie in der Pflege, werden neue Positionen und Verantwortungsbereiche geschaffen.

Und die Bezahlung?
Derzeit gilt, dass Hochschulabsolventinnen und -absolventen nicht mehr Gehalt bekommen als Hebammen, die an Fachschulen ausgebildet wurden. Ich sehe aber die Chance, dass in Zukunft der Beruf durch die Akademisierung aufgewertet wird. Bereits jetzt beobachte ich, dass die Absolventinnen und Absolventen schon vor ihrem Abschluss mehrere Stellenangebote haben und auswählen können. Dabei geht es dann um Punkte wie finanzielle Zulagen, Weiterbildungsmöglichkeiten oder einen attraktiven Freizeitausgleich. Das Studium wird das Selbstbewusstsein, die Entwicklungsmöglichkeiten und auch die Verhandlungsposition der Hebammen stärken.

Interview: Annette Kiehl, wsp

Mehr über die Akademisierung der Hebammen-Ausbildung lesen Sie hier und im WESTFALENSPIEGEL 6/2022.

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