Ulla Lachauer: Von Bienen und Menschen. Collage: wsp, Fotos: Rowohlt / pixabay/
17.03.2020

Die Faszination der Bienen

Ulla Lachauer, preisgekrönte Dokumentarfilmerin und Reportage-Autorin, hat sich auf Spurensuche zu Bienen und Imkern begeben. Eine lesenswerte Reise. 

Was ich da lese, eröffnet mir eine völlig neue Welt. Was wusste ich zuvor schon von Imkern und Bienen? Bienen sind soziale Wesen, so viel weiß man vielleicht noch: Es gibt eine Königin, einen Hofstaat und viele fleißige Arbeitsbienen. Aber in welchem Umfeld leben sie? Was sind das für Menschen, die sie hegen und pflegen, die Imker also, die in der Bienenzucht nicht selten ein Stück Lebensglück finden?

Es gibt eine lange Bienenzuchttradition, aber leider auch das derzeitige Bienensterben mit seinen massiven Auswirkungen auf das ökologische Gleichgewicht: Fast 80 Prozent aller Nutz- und Wildpflanzen werden von der westlichen Honigbiene bestäubt – und ohne Bestäubung keine Früchte. Auch davon, von Pestiziden und negativen Umwelteinflüssen, handelt das neue Buch von Ulla Lachauer „Von Bienen und Menschen“. Allerdings verzichtet es auf den erhobenen Zeigefinger. Es wählt einen anderen Weg, einen – in meinen Augen – nicht minder effektiven, einen erzählerischen.

Vom ersten Satz an gefangen

Ulla Lachauer ist eine versierte Autorin. Sie versteht es, den Leser vom ersten Satz an gefangen zu nehmen. Wie schon in ihren früheren Büchern berichtet sie über Menschen und ihre Lebensgeschichten – und das berührt. Erinnert sei hier nur an ihren Erfolgstitel „Die blinde Gärtnerin“. Er handelt von der fast 80-jährigen Magdalena Weingartner, die seit ihrer Geburt fast blind war und sich ein ganz besonderes Verhältnis zur Natur und ihrem eigenen Garten erschloss. Für Lachauer war Weingartner eine „visuelle Blinde“, die Bereiche des Lebens wahrnahm, die anderen nicht zugänglich sind.

Von Magdalena Weingartner habe sie, wie sie sagt, unendlich viel gelernt, sie habe ihren eigenen Blick auf die Welt geschärft, neu justiert. Beim neuen Buch ist das nicht anders. Erneut bringt sie uns ein Sachthema ganz persönlich nahe, getreu der Devise: Menschen interessieren sich zuallererst für andere Menschen. Stets verwebt die Autorin ihre eigene Lebensgeschichte mit denen ihrer Protagonisten. Und stillt damit auch ihre Neugierde, Phänomenen auf den Grund zu gehen.

14 Porträts passionierter Imker

Ulla Lachauer porträtiert 14 Imker aus verschiedenen Ländern. Foto: pixabay

Ulla Lachauer porträtiert 14 Imker aus verschiedenen Ländern. Foto: pixabay

Sie machte sich auf die Suche nach außergewöhnlichen Menschen, die ihr etwas über die Kunst der Bienenzucht mitteilen konnten. Auch wenn sie dabei quer durch Europa reisen musste. Der gespannte Bogen reicht von der Ostseeinsel Gotland über die Lüneburger Heide bis in den Schwarzwald, von den Pyrenäen über Kärnten bis Ljubljana, vom böhmischen Isergebirge bis in die russische Exklave Kaliningrad. Entstanden sind 14 Porträts passionierter Imker, unter anderem das eines jungen Syrers, der vor dem Krieg in seinem Heimatland mit seinem Vater 500 Bienenvölker hielt und mittlerweile in Deutschland einen Neuanfang wagt.

Auch das ist ein zentrales Thema: Die Gegenwart mit ihren ökonomischen Zwängen. Lachauer hat die Realität fest im Blick. Die Autorin hat viel Lebenserfahrung gesammelt, gespeist von zig Begegnungen mit anderen Kulturen und politischen Systemen. Imkern ist, wie uns ihre Beispiele zeigen, weit mehr als ein Hobby, sondern für viele ein Überlebensfaktor. „Bienenmenschen“ müssen sich heute den Herausforderungen der Globalisierung stellen, Politik und Krieg greifen zunehmend in den Mikrokosmos Bienenhaltung ein. Und da ist als weiterer Bedrohungsfaktor noch die gefürchtete Varroamilbe, der man nicht einfach mit einer „Chemiekeule“ beikommen kann.

Tausend Geschichten

Wir begleiten die Autorin gern bei ihren Bienen-Exkursionen. Und fühlen uns auch als Laie bei ihr gut aufgehoben. Denn auch Lachauer musste sich erst selbst in die Materie einfinden. Sie resümiert: „Manchmal steht ein Thema an der Straßenecke und wartet. Dieses wartete ungewöhnlich lange auf mich, bis weit ins neue Jahrtausend. Es wartete, während es mich immer weiter gen Osten zog, in die Steppen Kasachstans. Eigentlich wollte ich ein Buch über Hirten schreiben, die Nachkommen des biblischen Abel erforschen, wie sie leben und auf unsere moderne, globalisierte Welt schauen. Doch weil diese Welt immer schneller rotierte, nach dem Terroranschlag am 11. September 2001 mein Optimismus von 1989 dahinschwand, zögerte ich das Abenteuer hinaus.“

Ulla Lachauer: Von Bienen und Menschen, Rowohlt 2018, 384 S., 22 Euro (E-Book 19,99 Euro), ISBN 978-3-498-03926-4

Ulla Lachauer: Von Bienen und Menschen, Rowohlt 2018, 384 S., 22 Euro (E-Book 19,99 Euro), ISBN 978-3-498-03926-4

Im Zuge der Lektüre nehmen wir daran teil, wie die Autorin zunehmend fasziniert ist von den Bienen, ihren Hütern und den tausend Geschichten, die sich um das Thema ranken. Eine eigene, teilweise fast archaische Welt tut sich auf. Auch die folgende, harmlose Episode hat sie in ihr Buch eingewoben. Beim frühmorgendlichen Schwimmen im Freibad kann die Autorin eine Biene nicht vor dem Ertrinken retten. Ein Schmerz erfasst sie. Wäre das früher, vor ihrer Bienenexpertise, auch so gewesen? Hätte man nicht achtlos über das sterbende Insekt hinweggesehen? Vermutlich. Nun, da man weiß, was es mit dem »Kunstwerk« der Biene auf sich hat, sieht man die Welt mit anderen Augen.

Jene Sensibilität, nicht nur den Bienen, sondern der gesamten Natur- und Pflanzenwelt gegenüber, überträgt sich auch auf den Leser. Die Bienen stehen nur pars pro toto. Und noch etwas lernen wir: Imker sind nicht nur Individualisten, sondern meist auch glückliche Menschen.

Walter Gödden 

Dieser Buchtipp erschien zuerst im Heft 5/2018 des WESTFALENSPIEGEL.

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