Der phänologische Beobachter Bernd Strathmann steht in einem Weizenfeld. Foto: Jürgen Bröker
07.09.2022

Natur unter Beobachtung

Ehrenamtliche wie Bernd Strathmann aus Detmold melden dem Deutschen Wetterdienst, wie sich Beifuß und Co. im Jahresverlauf entwickelt. Die Wachstums- und Entwicklungserscheinungen der Pflanzen geben Aufschluss über Folgen des Klimawandels.

Bernd Strathmann schwingt sich auf sein Fahrrad und tritt in die Pedale. Es geht raus aus der Stadt. Raus zu „seinen Pflanzen“. So nennt er Beifuß, Kirsche, Kastanie, Birke, Raps und Co. jedenfalls gerne, die er regelmäßig für den Deutschen Wetterdienst (DWD) außerhalb von Detmold beobachtet. Strathmann ist ein sogenannter phänologischer Beobachter, einer von mehr als 60 in Westfalen. Als solcher protokolliert er, wann bestimmte Pflanzen ihre ersten Blätter bilden, wann sie zu blühen beginnen, und den Zeitpunkt, zu dem Feld- und Baumfrüchte reif sind und geerntet werden.

Seine Beobachtungen schreibt er in einem kleinen, hellblauen Buch auf und meldet sie an den DWD. „Für uns haben die Meldungen einen hohen Nutzen. Wir sehen den direkten Zusammenhang zwischen den Klimaveränderungen und den Wachstumsphasen der Pflanzen“, sagt Anja Engels von der Abteilung Agrarmeteorologie des DWD. So konnte für eine seit Mitte der 1940er Jahre beobachtete Forsythie in Hamburg festgestellt werden, dass diese inzwischen durchschnittlich 20 Tage eher mit der Blüte beginnt, als es vor rund 80 Jahren der Fall war.

Fünf Phasen für die Birke

Strathmann, der nach einer Gärtnerlehre Landschaftsplanung studiert hat und heute bei der Lebenshilfe Detmold arbeitet, ist ein Naturtyp. „Ich bin gerne draußen unterwegs und stromere in der Landschaft herum“, sagt der 54-Jährige. Dabei steht er am Straßenrand und blickt auf „seine“ Birke. „In der aktuellen Vegetationsphase gibt es hier nichts zu melden“, sagt er. Über das Jahr verteilt muss er aber fünf verschiedene Ereignisse für den Baum in seinem Buch festhalten: Austrieb der Blätter, Entfaltung der Blattoberfläche, Blüte, Blattfärbung und schließlich der Fall der Blätter. Was er erstaunlich findet: Nur etwa zehn Meter neben der von ihm beobachteten Birke steht eine weitere. „Diese Birke ist immer etwas weiter als meine. Daran sieht man, dass auch Bäume Individuen sind“, sagt Strathmann und lacht.

Bernd Strathmann mit einer Beifußpflanze. Foto: Jürgen Bröker

Bernd Strathmann mit einer Beifußpflanze. Foto: Jürgen Bröker

Auf seiner Runde kommt Strathmann an Weizen- und Rübenfeldern vorbei. Auch hier gibt es an diesem späten Freitagnachmittag Anfang Juli nicht viel zu beobachten. Wenn allerdings die Mähdrescher anrücken, um Gerste oder Weizen abzuernten, muss er auch das in seinem kleinen hellblauen Buch vermerken. In gewissen Abständen überprüft er den Reifegrad der Feldfrüchte. So öffnet er beispielsweise beim Raps die Schoten und testet den Härtegrad der darin enthaltenen dunklen kugelförmigen Samen.

Unterwegs wird genascht

Mit den Landwirten steht er in gutem Kontakt. „Die meisten freuen sich, wenn sie mich sehen“, sagt er. Auch mit den Menschen, deren Kirsch-, Birn- und Apfelbäume er beobachtet, hält er guten Kontakt. „Bei den meisten darf ich dann auch die Früchte naschen“, sagt er. Neben der Aufwandsentschädigung (250 Euro pro Jahr), die die phänologischen Beobachter für ihren Dienst bekommen, ist das eine willkommene, meist süße Belohnung.

Anders als in der Meteorologie, in der zwischen Frühling, Sommer, Herbst und Winter unterschieden wird, gibt es in der Phänologie zehn Jahreszeiten. Der Vorfrühling beginnt mit der Blüte der Hasel, der Erstfrühling startet mit der Forsythienblüte und der Vollfrühling ist da, wenn die Äpfel ihre Blüten entwickelt haben. Wie der Frühling in der Phänologie in drei Phasen unterteilt ist, gilt das auch für den Sommer und den Herbst. Nur der Winter ist nicht weiter unterteilt. Er setzt in der Phänologie ein, wenn die Stieleiche ihre Blätter verliert.

Beobachtungen zeigen: Die Winter werden kürzer

Auch wenn Strathmann sein Revier erst seit dem 1. Januar 2014 abfährt, sagen ihm sein Gefühl und seine Beobachtungen: „Die Natur ist immer früher dran.“ Das bestätigt auch Anja Engels vom DWD. Die Auswertungen langer Reihen phänologischer Beobachtungsdaten zeige, dass die Winter kürzer werden. Teilweise leitet die Haselblüte den Vorfrühling schon im Dezember ein. „Dabei blüht sie eigentlich erst Ende Januar oder Anfang Februar“, so Engels. Für NRW lag der Start der Haselblüte in den vergangenen 15 Jahren nur viermal nach dem 31. Januar.

Beim Getreide prüft Strathmann den Reifegrad. Foto:Jürgen Bröker

Beim Getreide prüft Strathmann den Reifegrad. Foto:Jürgen Bröker

Wichtig bei den Beobachtungen sei es, dass man nach Möglichkeit immer die gleiche Pflanze betrachte, so Strathmann. Das funktioniert aber nicht immer. So ist in diesem Winter einer von seinen Bäumen, eine Kastanie, dem Sturm zum Opfer gefallen. „Ich hatte aber Glück: Direkt daneben stand eine weitere Kastanie“, erklärt er. Und dann zeigt er nach oben, wo ein Rotmilan seine lautlosen Runden zieht. „Das ist doch herrlich, oder?“, fragt er und antwortet selbst: „So etwas bekommt man dann auch noch als Zugabe.“ Mit einem Lächeln im Gesicht steigt er wieder auf sein Rad. In der Ferne reckt „der Herrmann“ sein Schwert in den leicht bewölkten lippischen Himmel, als es für Strathmann über ruhige Straßen und sanfte Hügel zurück nach Hause geht.

Jürgen Bröker

Der Deutsche Wetterdienst sucht immer wieder phänologische Beobachter, zum Beispiel, um bestehende Reihen fortsetzen zu können. Interessenten können sich beim DWD melden unter: Telefon: 069/8062-2946 oder per E-Mail.


Dieser Beitrag stammt aus Heft 4/2022 des WESTFALENSPIEGEL. Ihnen gefällt was Sie hier lesen? Gerne senden wir Ihnen im Rahmen unseres Probeabos zwei kostenlose Ausgaben zu. Alle Infos dazu gibt es hier.


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